Wie lebt es sich in einer Stadt, in der Raketen und Kamikaze-Drohnen einschlagen? Wir haben mit Anna Kosjuchenko gesprochen, die in Kiew lebt und arbeitet.

In Kiew war es längere Zeit eher ruhig. Doch seit dem vergangen Montag ist die ukrainische Hauptstand wieder vermehrt Ziel russischer Raketen und Drohnen geworden. Ziel sind Infrastruktur und Versorgungseinrichtungen. Die Drohnen kommen sehr wahrscheinlich aus dem Iran. Sie stürzen sich samt Sprengladung in Gebäude, sie werden deshalb auch Kamikaze-Drohnen genannt.

Wie die Zivilbevölkerung in Kiew überlebt

Die Journalistin Anna Kosjuchenko lebt und arbeitet in Kiew und berichtet im Gespräch mit Deutschlandfunk-Nova-Moderatorin Rahel Klein, wie sie die Bombardierung erlebt: Am 20. Oktober hätte sie trotz der Raketeneinschläge und Kamikaze-Drohnen tagsüber Strom und Internet gehabt und konnte arbeiten. Sie versucht aber Strom zu sparen, weniger das Licht einzuschalten und auch wenig zu heizen.

"Ein bisschen die Heizung anmachen wäre schon gut. Aber es geht."
Anna Kosjuchenko, Journalistin

In einem Café hat sich die Journalistin mit anderen Gästen unterhalten. Angst hätte dort kaum jemand, sagt sie, schließlich würde der Krieg jetzt schon acht Monate dauern.

Journalistin Anna Kostjuchenko aus Kiew.
© privat
Journalistin Anna Kosjuchenko

Auch die Angriffe Russlands auf Wohngebäude scheinen die Geschlossenheit der ukrainischen Bevölkerung nicht zu mindern. Denn das Ziel der Menschen in der Ukraine sei, Russland zu vertreiben.

"Es geht darum, Russland zu vertreiben. Alles andere ist zweirangig."
Anna Kosjuchenko, Journalistin

Auf die Frage, wie sie mit der täglichen Bedrohung umgehe, antwortet Anna Kosjuchenko, sie hätte von ukrainischen Soldaten eine wichtige Erkenntnis gelernt: "Man muss erkennen, dass man wirklich sterben kann. Und dann ein aktives Leben weiterführen. Und so mache ich es."

Trotz Krieg normal weiterleben

Anna Kosjuchenko war schon aus Kiew geflohen, ist aber zurückgekehrt. Rein praktisch könne man in Kiew zurzeit ein ziemlich normales Leben führen. "Wir leben weiter, arbeiten, treiben Sport und pflanzen Blumen", sagt sie. Anna arbeitet als Journalistin und hilft freiwillig dem Militär.

Russland will Infrastruktur in der Ukraine zerstören

Russland greift mit den iranischen Kamikaze-Drohnen, aber auch mit Raketen sowohl Wohngebäude als die energetische Infrastruktur der Ukraine an. Nach Angaben der ukrainischen Regierung sind im Oktober rund ein Drittel der Elektrizitätswerke zerstört worden.

Zeitweise stellt die Verwaltung deshalb in der Ukraine großflächig den Strom ab und bittet die Bevölkerung, so wenig Strom wie möglich zu verbrauchen. Es werde zeitlich gestaffelt in jedem Gebiet der Strom bis zu vier Stunden lang abgeschaltet, teilte der Versorger Ukrenerho mit.

Zahlreiche zivile Todesopfer

Der Russland-Ukraine Krieg hat laut Zählungen des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte bis zum 17. Oktober 2022 mindestens 6300 Todesopfer in der ukrainischen Zivilbevölkerung gefordert, darunter mindestens 390 Kinder. Laut ukrainischen Angaben ist die Zahl der Todesopfer um ein Vielfaches höher.

  • Moderatorin:  Rahel Klein
  • Gesprächspartnerin:  Anna Kosjuchenko, Journalistin