Woher kommt dieses Gefühl, im Job nicht gut genug zu sein? Ist es einfach mangelndes Selbstwertgefühl? Arbeitspsychologin Tabea Scheel nennt mehrere Gründe.

Manche Menschen haben das Gefühl, für ihren Job nicht gut genug zu sein. Vielleicht stimmt das ja sogar, und der Job ist wirklich zu anspruchsvoll. In anderen Fällen passen Jobbeschreibung und Qualifikation eigentlich aber zusammen - doch gefühlt gibt es ein Problem.

Tabea Scheel, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Europa-Universität in Flensburg, sieht einen Grund für diese negative Selbsteinschätzung im Job in überzogenen Anforderungen. Diese können zu Unsicherheit darüber führen, wie die Aufgaben überhaupt erledigt werden können.

Hinzu komme oft mangelndes Feedback im Job, sodass es für manche schwierig sein kann, sich selbst einzuschätzen. Wenn dann, wie bei Berufseinsteiger*innen, auch noch wenig berufliche Erfahrung dazu komme, könne das das Gefühl verstärken, nicht genug zu leisten.

Richtiges Feedback hilft uns bei der Selbsteinschätzung

Ein erster Schritt gegen dieses Gefühl der Leistungsschwäche könnte der Vergleich mit Kolleg*innen sein, indem wir beobachten, ob diese tatsächlich mehr oder besser arbeiten als wir selbst. Hilfreich ist auch, die Erwartungen, die an uns herangetragen werden, und die eigenen an uns selbst zu hinterfragen: Sind sie realistisch? Kann ich sie überhaupt erfüllen? Sind sie überzogen?

"Viele Menschen machen heutzutage die Erfahrung, dass sie sehr viel leisten müssen, auch über ihre bezahlten Stunden hinaus."
Tabea Scheel, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Europa-Universität in Flensburg

Diese Unsicherheit und Fehleinschätzung könnten durch richtiges Feedback von Führungskräften oder Teamkolleg*innen aufgelöst werden, sagt Tabea Scheel. In Deutschland gebe es in vielen Arbeitsbereichen aber eher wenig Feedback-Gespräche, oder diese reduzieren sich darauf, dass man etwas falsch gemacht habe.

Führungskräften wäre oft nicht bewusst, "dass Führung auch Arbeit ist", erklärt die Arbeitspsychologin. Ihnen sei nicht klar, wie wichtig ihre Rückmeldung für ihre Mitarbeitenden ist.

"Da geht es ja auch nicht nur darum, gelobt zu werden, sondern vielleicht auch um dezidierte Kritik."
Tabea Scheel, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Europa-Universität in Flensburg

Bei gutem Feedback gehe es nicht darum, Mitarbeitende einfach nur für ihre Arbeit zu loben, sondern sich kritisch mit ihrer Leistung auseinanderzusetzen und ihnen möglicherweise aufzuzeigen, was sie anders oder besser machen können.

Mit dem Scheitern im Job richtig umgehen

Aber was tun, wenn das Feedback negativ ist, wenn wir uns selbst eingestehen müssen, dass wir die Aufgaben tatsächlich nicht gut erledigen können, den Anforderungen nicht gewachsen sind? Ein Jobwechsel ist vor allem dann nicht leicht, wenn vom Einkommen auch noch andere abhängig sind wie die eigene Familie.

Tabea Scheel, Arbeitspsychologie, im Gespräch mit Ivy Nortey am 21. Januar 2023
"Scheitern vermeiden können wir nicht. Wir sind ja Menschen. Aber was man tun kann, ist, die Situation analysieren. Ist es so, dass mir Fähigkeiten fehlen? Reicht es an bestimmten Stellen nicht? Oder sind es bestimmte Situationen oder auch Arbeitskontexten, die mich dazu bringen, zu scheitern?"

Es könne auch sein, dass wir an Aufträgen oder Jobs scheitern, die wir einfach nicht gut ausfüllen könnten, weil die Situation an sich schwierig oder die Aufgabe nicht machbar sei. Für die Arbeitszusammenhänge sind wir selbst nicht verantwortlich.

Offen übers Scheitern sprechen

Das Scheitern, ob wir nun dafür selbst verantwortlich sind oder nicht, beschädigt dann unter Umständen unseren Selbstwert, sagt die Arbeitspsychologin. Hinzu kommt Scham, die wiederum dazu führt, dass wir nicht übers Scheitern sprechen. "Also haben wir das Gefühl, wir sind die Einzigen auf dieser Welt, die gerade scheitern", so Tabea Scheel.

Dabei gehe es beim Scheitern im Job zunächst um Fähigkeiten oder Rollen, die wir nicht gut ausgefüllt haben. Aber meist würden wir das Scheitern dann sehr persönlich nehmen. Vorbild für positives Scheitern könnte Menschen sein, die beispielsweise wie bei den FuckUpNights über ihre gescheiterten Projekte sprechen und diese als Erfahrung für sich positiv werten.

  • Moderatorin:  Anke van de Weyer
  • Gesprächspartnerin:  Tabea Scheel, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Europa-Universität in Flensburg