Seit einem halben Jahr gilt: Mindestens eineinhalb Meter Abstand halten! In Geschäften zeigen uns oft Markierungen, wie weit 1,5 Metern sind. Aber was ist vor den Geschäften? Simulationsprogramme, die Menschenströme lenken, können berechnen, an welchen Stellen wir Abstand halten und wo nicht. Das könnte helfen, neue Konzepte zu entwickeln.

Im freien Raum ist der Mindestabstand so eine Sache: Unser Augenmaß kann uns trügen. Daher gibt es Programme, die Menschenströme in Gebäuden genau berechnen und Wege aufzeigen, um sie zu lenken: sogenannte Crowd Simulations.

Zum Einsatz kommt eine solche Software zum Beispiel für Räumungskonzepte bei Großveranstaltungen, in Bahnhöfen oder im öffentlichen Nahverkehr.

In Hinblick auf die Corona-Maßnahmen können diese Simulationen auch für Hygiene- und Organisationskonzepte in verschiedenen Bereichen hilfreich sein, sagt Angelika Kneidl. Sie ist Geschäftsführerin von Accurate, einem Unternehmen, das Simulationen und Analysen von Personenströmen im Auftrag von Firmen durchführt.

Mit Simulationen Menschenströme an Corona-Auflagen anpassen

Seit der Corona-Pandemie erstellen sie und ihr Team Simulationen für Gebäude unter Corona-Auflagen. Das bedeutet: Anhand des 3-D-Modells eines Raums beispielsweise eines Flughafens kann die Software berechnen, an welchen Orten Menschen potenziell den Mindestabstand unterschreiten und auch wie lange sie sich an der Schwachstelle begegnen.

"Bei der Simulation geht es um Orte, wo sich potenziell viele Menschen versammeln wie Bahnhöfe, im öffentlichen Nahverkehr oder in Stadien. Denn an einem Platz ist Abstand markierbar, aber es geht darum, zu gucken, wie man an Eingängen von Gebäuden Abstand halten kann."
Angelika Kneidl, Geschäftsführerin vom Crowd-Simulation-Dienstleister Accurate

In den Computersimulationen werden die Menschen durch virtuelle Personen, sogenannte Agenten, ersetzt. Diese tragen eine Art Ring um sich, der den Abstand von eineinhalb Metern nachstellt. Treffen sie aufeinander und die Agenten können den Mindestabstand nicht einhalten, leuchtet ihr Ring rot auf.

Simultaionsmodell der Firma Accu:rate GmbH
© Accu:rate GmbH
Simultaionsmodell meldet einen Alarm, wenn Agenten den Mindestabstand unterschreiten. Hier am Beispiel eines Büros.

Die Daten über das Verhaltensmuster von Menschen, die der Software als Berechnungsgrundlage dienen, kommen aus diversen Studien zum Thema Personenströme, erklärt Angelika Kneidl.

Das Forschungszentrum Jülich führt zum Beispiel Experimente für solche Studien durch. Dabei analysieren Forschende das Verhalten von Probanden, die an Engstellen aneinander vorbeilaufen müssen, erläutert sie. Hier zeige sich unter anderem, wie viel Abstand Menschen typischerweise halten.

Schwachstellen ermitteln, Konzepte neu denken

Wenn eine Simulation abgeschlossen und die Schwachstellen bekannt sind, erarbeitet das Unternehmen im Anschluss zusammen mit Expertinnen und Experten ein Sicherheitskonzept.

Sie prüfen etwa, ob die Personenströme durch Maßnahmen wie zusätzliche Eingänge beziehungsweise bauliche Veränderungen, Aufkleber auf dem Boden für Einbahnsysteme, oder durch geänderte zeitliche Abfolgen risikofrei durch das Gebäude gelenkt werden können, so die Geschäftsführerin.

Simulationsmodell der Firma Accurate
© Accu:rate GmbH
Social Distancing im Vergleich: Ohne und mit angepasstem Organisationskonzept

Exakte Analyse statt Eigenverantwortung

Besonders Schulleitungen könnte eine Analyse mit einer Simulations-Software aktuell entlasten, findet Angelika Kneidl. Statt eigenständig Hygiene- und Organisationskonzepte für die Schulen zu erarbeiten, würde eine Modellanalyse deutlich machen, ob etwa Raumkapazitäten umgenutzt werden können oder eine zeitversetzte Pause sinnvoll sei, um ein Zusammentreffen von Schülerinnen und Schülern auf Treppen zu vermeiden, sagt sie.