"Oh nein, das ist ja zum Davonlaufen!", sagen vielleicht manche, wenn sie "Baby Shark", Barry Manilow oder "You're beautiful" von James Blunt hören. So hatte das zumindest die Polizei in Wellington gehofft, um Menschen zu vertreiben, die gegen die Corona-Maßnahmen demonstrierten. Kann man wirklich Leute mit Musik vertreiben?

Tatsächlich gibt es Listen der nervigsten Songs, sagt Deutschlandfunk Nova-Reporterin Ilka Knigge. Verschiedene Medien wie BBC oder New Musical Express ermitteln per Umfrage unter ihren Lesern und Leserinnen, welche Songs unbeliebt sind und erstellen daraus Listen. Oder Musikjournalist*innen ermitteln solche Listen aus verschiedenen Daten. Weil hauptsächlich englischsprachige Medien solche Listen veröffentlichen, sind vor allem englische Popsongs gelistet.

Nicht jeder Song nervt alle gleich

Wann wir einen Song als nervig empfinden, hängt von verschiedenen Eigenschaften des Stücks, von unserem eigenen Geschmack und von der Situation ab, in der wir das Lied hören. So war die Songauswahl des Parlamentssprechers, der die Anti-Corona-Maßnahmen-Demonstrant*innen vor dem Parlamentsgebäude in der neuseeländischen Hauptstadt Wellington vertreiben wollte, auch subjektiv. Besonders erfolgreich war die Maßnahme nicht. Deshalb die Frage: Ab wann ist ein Song nervig?

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In der Songauswahl in Wellington war das Kinderlied "Baby Shark" vom Kinderkanal Pinkfong dabei. Es ist auf Youtube sehr erfolgreich, musikalisch betrachtet aber super simpel:

  • Keine Rhythmusvariation
  • Wenig Tempo
  • Wenige, gleichbleibende Beats
  • Fast kein Text
  • Tonabfolge selbst im Refrain gleich
  • Schrille Kindergesangsstimme

Weil dieser Song so simpel und repetitiv ist, fängt er schnell an zu nerven.

Es gibt aber auch das Phänomen, dass aus Ohrwürmern irgendwann die nervigsten Songs werden. Eine Studie hat herausgefunden, dass ein Ohrwurm mindestens diese beiden Kriterien erfüllen muss:

  • Schnelles Tempo
  • Eine melodische Form, bei der der Melodiebogen erst aufwärts und dann wieder abwärts verläuft

Dieser immer wiederkehrende Melodiebogen setzt sich dann in unserem Kopf fort und wird zum Ohrwurm.

Wann ein Ohrwurm zu nerven anfängt

Wann der Wendepunkt erreicht ist, dass aus dem Ohrwurm der Nervsong wird, ist schwer zu sagen. Aber laut dem Musikpsychologen Mats Küssner hängt das mit der Veränderung vom Gefallen hin zur Sättigung zusammen.

"Es gibt Studien, die zeigen, dass man Gefallen generieren kann, indem man ein Stück mehrere Male hört. Es geht aber nicht unendlich. Wenn wir irgendwann mal ein Stück zu oft gehört haben, kann sich eine Art Sättigung einstellen und dann fängt es an zu nerven."
Mats Küssner, Musikpsychologe

Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Ilka Knigge geht das so mit Wonderwall von Oasis. "Der ist totgespielt und wird in Situationen ausgepackt, in denen man ihn nervig findet", sagt sie. Zum Beispiel wenn Nachbarn eine Party feiern und nachts die Gäste das Lied betrunken mitgrölen.

Nutzung von Musik im öffentlichen Raum

Für klassische Musik gibt es auch bereits Einsatzorte wie U-Bahnhöfe, um wohnungslose Menschen zu vertreiben. Grundannahme sei, dass diese Menschen keine klassische Musik mögen und dann deshalb weggehen würden. Der Musikpsychloge hält das für problematisch, weil klassische Musik sehr vielfältig sei und Menschen einen sehr unterschiedlichen Musikgeschmack haben. Ihm sei zur Nutzung klassischer Musik im öffentlichen Raum auch keine Studie bekannt.