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Nicht nur Menschen wurden getrennt, als die DDR im August vor 60 Jahren die Berliner Mauer errichten lässt. Auch durch den kompletten Kultur- und Literaturbetrieb geht ein tiefer Riss. Gespalten in Ost- und Westkunst versuchen sich beide Seiten wieder aufzuraffen. Wie das gelingt, beschreibt Jutta Müller-Tamm in ihrem Vortrag.

Kurz nach dem Mauerbau 1961 geht es los: Westberlin droht mit seiner Insellage in die künstlerische Provinzialität zu zerfallen. Ostdeutsche Kunstschaffende hoffen zwar auf größere Freiheit in ihrer Hauptstadt, leider vergeblich, wie sich später herausstellt.

Kultur-Wettstreit zwischen BRD und DDR

Um auf dem internationalen Parkett überhaupt noch mitspielen zu können, fließt viel Geld auf beiden Seiten – und trotzdem mangelt es auch genau daran. Ein Wettlauf um die besten Köpfe, das beste Theater und die beste Literatur beginnt. Die Bundesrepublik Deutschland (BRD) und die Deutsche Demokratische Republik (DDR) verfolgen dabei unterschiedliche Ziele – und doch stehen sie in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis.

"Auch wenn in West- und Ost-Berlin divergierende Absichten verfolgt wurden, handelt es sich doch um einen miteinander verknüpften Prozess."

Dieser miteinander verknüpfte Prozess zeigt sich unter anderem in dem Versuch, möglichst viele Künstler und Künstlerinnen von Weltgeltung in die jeweils eigene Hälfte der Stadt einzuladen, um damit international glänzen zu können.

Das Beispiel um den sowjetischen Lyriker Jewgeni Jewtuschenko ist nur eines, das offenlegt, mit welcher Energie die unterschiedlichen Systeme versuchen, den Wettstreit für sich zu entscheiden.

Die Mauer mit Worten überwinden

So hat Jewgeni Jewtuschenko dem Westen bereits zugesagt, 1963 dort mehrfach öffentlich aufzutreten. Daraufhin versucht die DDR mit allen Mitteln, ihn noch früher nach Ost-Berlin zu holen, scheitert aber letztlich damit.

Immerhin, so die Literaturwissenschaftlerin Jutta Müller-Tamm, habe gerade der Kalte Krieg – so paradox es klingen mag – dazu beigetragen, die Mauer mit Worten zu überwinden. Die Gespräche der Schriftsteller miteinander und der somit entstandene Ost-West-Dialog jener Zeit sei ein Effekt der damaligen Eiszeit gewesen. Der Wettlauf um die Kunst von Weltrang habe dazu geführt, dass die Stadt auf diesem Gebiet – trotz Mauer – eine Vorreiterrolle spielen konnte.

In unserem Hörsaal senden wir Ausschnitte aus dem Vortrag "Das geteilte Berlin als Katalysator der Internationalisierung des Literaturbetriebs". Gehalten hat ihn am 3. November 2020 in Berlin die Literaturwissenschaftlerin und Germanistin Jutta Müller-Tamm. Sie hat für die Freie Universität Berlin und den dort angesiedelten Exzellenzcluster "Temporal Communities: Doing Literature in a Global Perspective" eine Ringvorlesung konzipiert. Diese stand unter dem Motto "Berliner Weltliteraturen. Internationale literarische Beziehungen in Ost und West nach dem Mauerbau".