Innenminister Horst Seehofer sagt nach dem Anschlag in Halle, die Gamer-Szene müsse schärfer beobachtet werden. Daran gibt es Kritik. Doch es existieren Plattformen im Netz, wo sich rechtsextreme Ideologie und Gaming-Kultur mischen, sagt Extremismusforscher Jakob Guhl.

In der ARD äußerte sich Innenminister Horst Seehofer: "Viele von den Tätern oder potenziellen Tätern kommen aus der Gamer-Szene. Manche nehmen sich Simulationen geradezu zum Vorbild." Deshalb müsse man die Gamer-Szene stärker in den Blick nehmen.

Es geht um den Anschlag in Halle und Stephan Balliet, der seine Tat live auf Twitch gestreamt hat. Vor der Tat veröffentlichte er ein Dokument im Internet, eine Art "Manifest", das sich laut Medienberichten teils wie eine Anleitung zu einem Computerspiel liest.

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Gamification der Täter-Videos

Es gebe weltweit schätzungsweise 2,2 Milliarden Gamer, sagt Extremismusforscher Jakob Guhl vom Institut für Strategischen Dialog (ISD) in London. Sie alle unter Verdacht zu stellen, hält er für falsch. In bestimmten Gaming-Communities sehe er aber, "dass es zu viel Toleranz gegenüber Hatespeech, Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus gibt".

Ein Phänomen, das sich außerdem beobachten lasse: Die Live-Streams der Taten - beispielsweise von Christchurch oder Halle - seien "im Stil der Egoshooter geschossen" und werden im Nachhinein wie ein Videospiel bewertet. Forscher nennen dieses Phänomen "Gamification". Auf Plattformen wie "4chan" bekommen die Tat-Videos Punkte verliehen - "auf eine sehr zynische Art", wie Jakob Guhl sagt.

"In bestimmten Gaming-Communities beobachten wir, dass es zu viel Toleranz gegenüber Hatespeech, Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus gibt."
Jakob Guhl, Extremismusforscher am Institut für Strategischen Dialog (ISD) in London

Dass sich jemand ausschließlich über das Netz radikalisiere und dann einen Anschlag verübe, sei trotzdem sehr selten, sagt Jakob Guhl. Darüber sei man sich in der Forschung jedenfalls bislang einig gewesen.

Das Netz als Ort der Radikalisierung

Die Anschläge der jüngsten Zeit zeigten jedoch, dass das Internet vermehrt eine Rolle bei der Radikalisierung spiele. Man dürfe sich das Ganze aber nicht als kausale Reaktion vorstellen, meint der Extremismusforscher. Das sei "zu unterkomplex".

"Häufig gibt es die Vorstellung: Da sitzt jemand ganz alleine zu Hause, guckt sich ganz lange problematische Inhalte an. Und dann verübt er quasi fast automatisch Gewalt. Das ist etwas zu unterkomplex."
Jakob Guhl, Extremismusforscher am Institut für Strategischen Dialog (ISD) in London

Halle reihe sich ein in eine Folge von Anschlägen in diesem Jahr, die einem relativ ähnlichen Muster gefolgt sind, so Jakob Guhl. Politiker müssten künftig den Blick weiten, wenn sie nach den Quellen suchen, die Hass und Extremismus im Netz verbreiten: "Da ist bislang jenseits der großen Social-Media-Plattformen noch ein blinder Fleck."

Beim Anschlag in Halle hätten nicht die großen Plattformen im Mittelpunkt gestanden. Von daher meint auch Jakob Guhl, dass man "dem Gaming-Bereich mehr Aufmerksamkeit" schenken müsse. Darüber hinaus müsse Politik aber auch präventiv arbeiten, etwa im Netz, und Aussteigerprogramme wie Exit langfristig fördern.