Sebastiana ist in einer Fernbeziehung und findet das meistens super: Sie führt eine schöne Beziehung und hat gleichzeitig Raum und Zeit für sich. Aber können wir als Paar langfristig wirklich glücklich sein, wenn der gemeinsame Alltag fehlt?
Es war ein richtig schönes Wochenende: Als Paar haben wir total viel erlebt und die Zeit rundum genossen. Doch dann ist erstmal Schluss – Abschied. Wer eine Beziehung auf Distanz führt, kennt das. Dazu gehört auch Sebastiana.
Sie und ihr Freund haben sich im Studium kennengelernt. Er ist zunächst für seinen Master in eine andere Stadt gezogen, und für den ersten Job ging es dann noch weiter weg. Die beiden führen seit etwa drei Jahren eine Fernbeziehung zwischen Furtwangen im Schwarzwald und Bielefeld. 560 Kilometer, etwa sechs Stunden Autofahrt liegen zwischen ihnen. Sie wissen aber, was es braucht, damit ihre Beziehung weiter funktioniert.
Kommunikation ist das A und O
Ganz wichtig für die beiden: gut miteinander kommunizieren. Sie führen zum Beispiel einen gemeinsamen Kalender, in den beide ihre Termine eintragen. Sie telefonieren auch viel und schreiben sich täglich. Wenn sie Treffen mit Freunden koordinieren, haben die beiden als Paar Priorität, erzählt Sebastiana: "Bevor ich etwas mit Freunden mache, schaue ich, dass ich meinen Freund einmal im Monat sehe. Das funktioniert auch ganz gut."
Beziehung (auf Distanz) ist Arbeit
Sebastiana hält aber auch eine gute Balance für wichtig. Das bedeutet: Wenn ihr Freund in letzter Zeit viel zu Besuch war, versucht Sebastiana, zeitnah auch wieder öfter die Fahrt auf sich zu nehmen. Ganz entscheidend außerdem: viel miteinander reden. Denn durch die Distanz bleiben Dinge, die beide im Alltag beschäftigen, schon mal auf der Strecke.
"Durch die Distanz gehen Sachen unter - von seinem Alltag oder von meinem Alltag. Und deshalb muss man super viel sprechen."
Hin und wieder hapert es bei Sebastiana aber auch an der Kommunikation, erzählt sie. Wegen ihres ADHS vergisst sie schon mal, ihrem Freund zu schreiben, und da gab es auch schon Diskussionen – was sie nachvollziehen kann. Sie sagt, sie bemüht sich aber, sich regelmäßig zu melden.
"Ein Zugticket jede Woche ist nicht drin"
Dazu kommt: Die beiden befinden sich in unterschiedlichen Lebensphasen. Ihr Freund arbeitet, Sebastiana studiert. In ihren stressigen Prüfungsphasen oder wenn bei ihm im Job viel los ist, fallen Besuche deshalb schon mal aus. Wenn Sebastiana zu ihrem Freund fährt, dann oft mit dem Zug. Als Studentin hat sie aber auch ein finanzielles Limit und kann sich nicht ständig ein Ticket leisten.
Die beiden haben vereinbart: Mindestens einmal im Monat muss ein Treffen drin sein. Sie versuchen sich dann aber auch keinen Druck zu machen, dass sie unbedingt ganz viel erleben müssen – sondern einfach den verpassten Alltag nachholen wollen.
"Die Sachen, die man in einer Nicht-Fernbeziehung täglich macht, sind für uns voll das Highlight."
Liebe auf Distanz immer häufiger
Statistisch gesehen haben in Deutschland etwa 40 Prozent der 18- bis 29-Jährigen schon eine Fernbeziehung geführt – das zeigt zumindest eine Erhebung von 2019. Es gibt allerdings verschiedene Formen von Fernbeziehungen, wie die Forschung zeigt.
Studierende führen oft Fernbeziehungen auf Zeit
Erhebungen zeigen, dass Studierende eine Fernbeziehung oft als Übergangsphase ansehen, die endet, wenn sie mit dem Studium fertig sind. Das erklärt die Soziologin Marie-Kristin Döbler. "Es gibt aber auch berufsbedingte Fernbeziehungen, wenn wir an Soldaten, Fernfahrer oder Menschen auf See denken. Das sind oft auf Dauer angelegte Fernbeziehungen", sagt die Soziologin.
Heutzutage gibt es immer öfter Fernbeziehungen, weil Menschen diese Form wählen müssen oder aber auch freiwillig wählen, erklärt Marie-Kristin Döbler.
"Es ist akzeptierter, dass ich alleine lebe und trotzdem in einer Partnerschaft bin. Vor 40 oder 50 Jahren wäre das undenkbar gewesen."
Auch Sebastiana findet es gut, dass sie in einer Beziehung ist und gleichzeitig oft Raum und Zeit für sich hat. Trotzdem empfindet sie häufig Trennungsschmerz. Zum Beispiel, wenn sie ihren Freund bei bestimmten Events gerne dabei hätte, es aber nicht klappt, oder nachdem sie ihn längere Zeit am Stück gesehen hat und er dann wieder nach Hause fahren muss. Besonders schwer fällt es ihr, ihren Freund am Bahnhof zu verabschieden.
"Das Allerschlimmste ist, wenn man am Bahnhof sitzt und der Zug einfährt. Da habe ich schon so oft geweint. Dann steht er da, und ich muss einsteigen."
Wenn sie sich wieder gefangen hat, genießt Sebastiana es wieder, mal nicht mehr im Paarmodus zu sein. Ihr eigenes Leben zu führen, ist für Sebastiana sehr wichtig. Deshalb ist für sie und ihren Freund auch klar, dass sie nicht direkt zusammenziehen, wenn Sebastiana mit dem Studium fertig ist: "Nicht, weil ich es mir nicht mit ihm vorstellen könnte, sondern einfach, weil ich noch mein eigenes Ding machen möchte."
Etwas kürzer dürfte die Distanz zwischen den beiden aber schon werden, sagt sie.
Wie nah ist man sich in einer Fernbeziehung?
Oft haben Menschen in einer Fernbeziehung mit dem Vorurteil zu kämpfen, dass sie sich emotional gar nicht so verbunden fühlen könnten wie Paare, die nah beieinander oder miteinander wohnen. Das kann man so pauschal aber nicht sagen, meint die Paartherapeutin Mashaal Omary. Auch Paare ohne große räumliche Distanz sprechen vielleicht nicht über tiefgründige Themen, und ihre Beziehung plätschert eher oberflächlich vor sich hin, erklärt sie.
"Es gibt auch Paare, die wohnen ganz nah beieinander, fühlen sich emotional aber nicht so verbunden."
In Fernbeziehungen kann es hingegen so sein, dass Paare gerade deshalb über besonders emotionale Themen sprechen, weil sie wissen, dass sie sich bald wieder länger nicht sehen. "Dann lernen sich diese Paare besser kennen, weil sie die wenige Zeit, die sie miteinander verbringen, viel offener darüber sprechen, wie es ihnen gefühlsmäßig geht", sagt Mashaal Omary.
In der Fernbeziehung den Alltag teilen
Sich im Alltag nah zu sein, trotz Fernbeziehung, kann funktionieren, erklärt die Paartherapeutin, wenn es beispielsweise regelmäßige "Check-Ins" gibt. Das heißt: einmal pro Tag oder mindestens einmal die Woche telefonieren oder einen Videocall machen. Dabei sollten wir ganz offen miteinander darüber sprechen und erzählen, wie es uns geht, was uns beschäftigt und was wir erlebt haben.
"Dieses Gefühl, dass man gehört, gesehen und verstanden wird, ist Gold wert."
Anderer Tipp: virtuelle Date-Nights. "Man könnte zum Beispiel sagen: Wir bestellen uns beide etwas beim Italiener, du bei dir und ich bei mir, und genießen die Pasta zusammen", erklärt Mashaal Omary. "Dass man dann trotzdem das Gefühl hat, an unterschiedlichen Orten zu sein, aber trotzdem etwas zusammen erlebt." Außerdem verbindet es, wenn Paare auf Distanz gemeinsam den nächsten Besuch planen und schon mal konkret ausmalen, was sie zusammen unternehmen werden.
Konflikte lösen auf Distanz
Wenn es bei Paaren in einer Fernbeziehung zu einem Konflikt kommt, rät die systemische Paartherapeutin auf jeden Fall dazu, diesen nicht auf Social Media oder per Messenger auszutragen, sondern zu telefonieren. Nur zu schreiben reicht nicht aus, da so viele Missverständnisse auftreten können – allein schon durch ein unglücklich gesetztes Emoji.
Rituale helfen durch den Abschied
Wenn – wie im Fall von Sebastiana – der Abschied besonders schwerfällt, können Rituale helfen. Mashaal Omary rät zum Beispiel dazu, am letzten Tag in das Lieblingscafé oder -restaurant zu gehen. Eine andere Idee: dem Partner bzw. der Partnerin einen persönlichen Gegenstand mitgeben. Außerdem empfiehlt sie, vorher zu besprechen, ob es der Partnerin lieber ist, alleine zum Bahnhof zu gehen oder gemeinsam. "Es sollte aber auch ein Ritual sein, das sich wiederholt, damit man sich auch darauf verlassen kann", sagt die Paartherapeutin.
Gemeinsame Zukunft ausmalen
Hilfreich ist auch, wenn Paare in Fernbeziehungen regelmäßig über ihre gemeinsame Zukunft sprechen. "Da kann man sagen: 'Wie siehst du uns beide denn in einem Jahr, in drei Jahren oder in fünf Jahren?' Auch so etwas gibt einem Hoffnung, weil man weiß, dass man sich wieder sieht und dass es kein Abschied für immer ist."
Die Paartherapeutin hält diese gemeinsame Zukunftsperspektive für entscheidend, damit Paare auf Distanz langfristig glücklich sein können.
Redaktioneller Hinweis: Auf dem Bild oben sind nicht Sebastiana und ihr Freund zu sehen.
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