Ihr zieht in eine neue Stadt, wisst aber nicht, in welchem Viertel ihr eine schöne bezahlbare Wohnung findet und welcher Kiez gerade angesagt ist? Für unsere Serie "Neu in der Stadt" haben wir uns Rat beim Humangeografen Christian Steiner geholt. 

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie "Neu in der Stadt". Alle sieben Folgen findet ihr hier.

Ihr wollt mitten in der Stadt wohnen, gute Verkehrsanbindung, zehn Minuten zur Arbeit und Supermärkte, Kneipen und Clubs direkt um die Ecke? Oder doch eher den Blick ins Grüne, gute Luft und Ruhe? Wer in eine neue Stadt zieht, kann sich aussuchen, wo und wie er wohnen will. Zumindest in der Theorie.

Wenn es uns in eine neue Stadt verschlägt, heißt das meist auch: Wir haben keine Ahnung von In-Vierteln, Verkehrsanbindung oder grünen Oasen. Und dann ist da noch die Sache mit den Mietpreisen. 

Wie deutsche Städte aufgebaut sind

Was tun? Für unsere Serie "Neu in der Stadt" haben wir beim Humangeografen Christian Steiner nachgefragt. Und mit seiner Hilfe gehen wir die Sache erst einmal ganz grundsätzlich an: Wir sehen uns an, wie deutsche Städte aufgebaut sind und warum sich einzelne Stadtviertel so stark voneinander unterscheiden. 

Einige Gemeinsamkeiten haben deutsche Großstädte – zum Beispiel den Altstadtkern im Zentrum. Oft ist es auch so, dass sich Städte während der Industrialisierung stark entwickelt haben. Die Folge: gründerzeitliche Gebäude, für die wir heute als Altbauten mit hohen Decken ordentlich Miete abdrücken müssen, wenn sie halbwegs saniert sind.

Phänomen Gentrification

Außerdem haben Geografen sogenannte suburbane Viertel ausgemacht. Also Ein- oder Zweifamilienhaussiedlungen, mit niedrigeren Gebäuden. In den Sechziger und Siebzigerjahren kamen noch Mietwohnungen auf größerer Fläche dazu. 

Altstadt, Altbauviertel, Ein- oder Zweifamilienhaussiedlungen und Hochhaussiedlungen: So oder so ähnlich sehen viele deutsche Städte aus, erklärt Christian Steiner. Die Ausnahme sind Städte wie Wolfsburg, das zwar einen alten Kern hat, wo früher ein Dorf stand, im Wesentlichen aber während der Nazizeit errichtet wurde. Bei solchen Spätgründungen fallen dann einige Phasen der Stadtentwicklung weg. 

Ob ein bestimmtes Viertel besonders beliebt ist, hängt allerdings meist nicht an der Bausubstanz, sondern am Milieu und der Infrastruktur, die sich dort angesiedelt hat. Und so kommt ein Phänomen in Gang, das wir unter dem Begriff Gentrifizierung kennen. Der Charakter eines Viertels verändert sich schlagartig, im früheren Szenekiez reiht sich auf einmal die Osteria an die Trattoria, statt Secondhand-Klamotten gibt es Designermöbel zu kaufen.

"Im Großen und Ganzen muss man sich in den meisten deutschen Wohnvierteln um Straßenkriminalität nicht sorgen."
Christian Steiner, Humangeograf an der Katholischen Uni Eichstädt.

Wer das nicht will, zieht in rauere Szenekieze. Das lohnt sich am ehesten für jüngere Mieter, die gerade das Elternhaus verlassen, etwas Abenteuer suchen – und vor allem von den günstigeren Mieten profitieren.

Aber auch, wer in und um die neue Bleibe eher auf der sicheren Seite sein möchte, sollte sich nicht gleich von Kriminalitätsstatistiken abschrecken lassen, die bestimmte Stadtteile als gefährlich ausweisen. Hier rät Christian Steiner genau hinzuschauen. Denn nicht alle Delikte, die strafbar sind, seien auch eine Bedrohung für Anwohner und Passanten. 

Hellhörig solltet ihr eher sein, wenn es im Stadtviertel der Wahl zu vielen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz kommt. Weil Drogendelikte oft andere Straftaten nach sich ziehen – Stichwort Beschaffungskriminalität. 

Immobilienpreise entscheidend

Viel entscheidender als das Milieu oder die Infrastruktur eines Viertels ist bei der Wahl des Wohnviertels für die meisten Mieter ohnehin etwas ganz anderes: die Immobilienpreise. Seit der Finanzkrise vor zehn Jahren haben die sich in zahlreichen deutschen Städten verdoppelt. Die Folge: Gerade für junge Mieter sind ganze Viertel nicht mehr bezahlbar.

So sind Normalverdiener zum Beispiel in München gezwungen, ins Umland zu ziehen. Ein Problem, an dem auch die Politik nicht unschuldig ist, sagt Christian Steiner. Denn spätestens seit der Wende habe die das Thema Sozialer Wohnungsbau komplett verschlafen. 

"Wir sind alle Konstrukteure unserer eigenen Lebenswelt."
Christian Steiner, Humangeograf an der Katholischen Uni Eichstädt.

Bei der Suche nach der bezahlbaren Traumwohnung im neuesten Hipsterviertel mit perfekter Infrastruktur und Verkehrsanbindung sollte aber niemand vergessen: Unser Viertel prägt uns – aber wir prägen auch unser Viertel, sagt Christian Steiner. Einfach durch die Art und Weise, wie wir uns im öffentlichen Raum bewegen.

Wenn in einem Viertel besonders viele Anwohnerinnen Rad fahren, stehen irgendwann Fahrradständer vor den Geschäften. Und vielleicht muss eines Tages sogar eine Fahrspur einem Radweg weichen. 

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie "Neu in der Stadt". Alle sieben Folgen findet ihr hier.

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