Schätzungsweise 80 Prozent der Menschen glauben an eine höhere Macht oder einen Gott. Forschende wollen schon sehr lange herausfinden, woher diese Religiosität kommt. Einem Team aus Forschenden ist es gelungen, die Stelle im Gehirn zu benennen, wo die Spiritualität verankert ist.

Die Spiritualität sitzt, evolutionär gesehen, in einem sehr alten Teil unseres Gehirns, nämlich im periaquäduktalen Grau oder auch zentrales Höhlengrau des Hirnstamms. In dieser Ansammlung von Nervenzellkörpern werden vor allem überlebenswichtige Funktionen verortet, wie zum Beispiel die Unterdrückung von Schmerzen und die Impulse für Angst- und Fluchtreflexe.

"Viele Erkenntnisse kommen zustande, nachdem man Menschen Teile ihres Gehirns herausgeschnitten hat, und dann guckt, was sich bei ihnen verändert hat."
Anne Preger, Deutschlandfunk Nova-Reporterin

In der US-amerikanischen Stadt Boston haben Forschende eine Studie mit 88 Patientinnen und Patienten einer Klinik durchgeführt. Diese litten alle an einem Gehirntumor und mussten sich einer Tumoroperation unterziehen. Wird ein Tumor entfernt, muss auch das umliegende Gewebe, das beeinträchtigt ist, entnommen werden.

Patienten mit Gehirntumor wurden vor und nach OP befragt

Die Patientinnen und Patienten wurden vor und nach der Operation befragt, ob sie sich für religiös halten. Ergebnis:

  • Ein Drittel der Befragten schätzt sich als genauso religiös wie vor der OP ein,
  • ein Drittel glaubt, nach der Operation religiöser zu sein und
  • ein weiteres Drittel bezeichnet sich nach Operation als weniger gläubig.

Die Forschenden haben die Fragebögen damit abgeglichen, welche Teile des periaquäduktalen Graus im Hirnstamm jeweils entfernt worden waren. Außerdem haben sie die Daten mit denen von Vietnamkriegsveteranen verglichen, die Hirnverletzungen davongetragen hatten.

Religiosität kann auch bei Parkinson-Patienten nachlassen

Zudem haben die Forschenden weitere bekannte Fälle hinzugezogen, unter anderem Menschen, die nach Verletzungen in einem bestimmten Teil dieses Hirnstamms extrem religiös geworden sind. Außerdem gibt es Berichte von Parkinson-Patienten, bei denen dieser Bereich des Gehirns beeinträchtigt ist und die dadurch weniger gläubig geworden sind.

Um einer falschen Interpretation der Ergebnisse vorzubeugen, warnen die Forschenden allerdings davor, ihre Ergebnisse überzuinterpretieren. Sie sagen: Ihre Ergebnisse bedeuteten nicht, dass Religion nur eine Illusion sei. Und auch nicht, dass Menschen Parkinson bekommen, weil sie nicht gläubig genug sind.

Ergebnisse stimmen mit Thesen aus der Psychologie überein

Das Forschungsteam sieht seine Ergebnisse als Hinweis darauf, dass Religion tief im Hirn verankert ist. Im Hirnstamm sind vor allem überlebenswichtige Funktionen verortet. Das passt zu einer These aus der Psychologie, die besagt, dass Religion beziehungsweise Spiritualität helfen kann, das Bedürfnis nach Sicherheit zu befriedigen. Sicherheit zählt zu einem der menschlichen Grundbedürfnis und steht in der Maslowschen Bedürfnispyramide eine Stufe unter physiologischen Bedürfnissen wie Essen, Trinken und Schlafen.