In Deutschland dürfen Frauen innerhalb der ersten zwölf Wochen eine ungewollte Schwangerschaft abtreiben. 100.000 machen das auch. Trotzdem kommt dieser Eingriff im Medizinstudium kaum vor. Studierende in Berlin wollen das nun ändern - mit einer Papaya.

Zehn Minuten. So lange hat sich Alicia in ihrem Medizinstudium mit dem Thema Abtreibung beschäftigt. Es war nur ein kleiner Einschub am Ende einer Lehrveranstaltung, in der es um Pränataldiagnostik ging. Also darum, ob ein ungeborenes Kind krank ist. "Das ist eine ungute Verbindung", findet die Medizinstudentin Alicia. 

"Im Moment ist es eben in Verbindung mit der Pränataldiagnostik eine ungute Verbindung, weil das suggeriert: Abgetrieben wird dann, wenn jemand eine Behinderung beim Kind feststellt. Aber das sind die wenigsten Fälle."
Alicia, Medizinstudentin und Teil von Medical Students for Choice

Abtreiben üben an einer Papaya

Alicia findet, es sollte eine Veranstaltung geben, bei der ein Schwangerschaftsabbruch als mögliche Entscheidung einer Frau thematisiert wird - auch bei einer ganz normal verlaufenden Schwangerschaft. Wie das Thema an anderen Universitäten behandelt wird, dazu gibt es keine Daten. Aber auch in anderen Städten kritisieren Studierende die geringe Rolle, die das Thema in den Lehrplänen spielt.

"Das Problem ist, dass die Unis nicht verpflichtet sind, das zu unterrichten, weil Abtreibung in Deutschland nach Paragraf 218 strafbar ist, auch, wenn sie unter bestimmten Bedingungen straffrei bleibt."
Nina Marie Bust-Bartels, Deutschlandfunk Nova

Abtreibung ist in Deutschland straffrei, wenn sich die Frau vorher an einer anerkannten Beratungsstelle beraten lässt. Ohne diesen Zusatz ist der Abbruch in Deutschland verboten und deshalb sind Unis nicht verpflichtet, es zu unterrichten. Ein Widerspruch meint Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Nina Marie Bust-Bartels, denn die Abtreibung ist einer der häufigsten gynäkologischen Eingriffe.

Die Papaya ist wie der weibliche Uterus

"Damit wir ein Gefühl dafür bekommen. Und es ist auch größentechnisch, wenn man jetzt nicht die größte Papaya hat, sehr realitätsnah, wenn man das jetzt an einem Modell üben möchte."
Teilnehmerin des Workshops

Die Studierenden-Gruppe Medical Students for Choice an der Charité in Berlin organisiert deshalb Workshops, in denen Medizinstudentinnen und -studenten in ihrer Freizeit lernen können, wie man eine Abtreibung durchführt. Und zwar an einer Papaya. 

Abtreibung üben an einer Papaya
© Deutschlandfunk Nova | Nina Marie Bust-Bartels
Die Teilnehmer saugen die Kerne aus der Papaya

25 Medizinstudierende - fast nur Frauen - üben also, den Embryo aus der Gebärmutter abzusaugen. Zwei ehrenamtliche Frauenärztinnen aus Berlin zeigen den Studierenden an einer Papaya, wie das funktioniert: Sie führen das Röhrchen vorne am Handsauger genau an der weichen Stelle bis ins Innere, um an die Kerne zu kommen. Und dann haben die Teilnehmer das Vakuum gelöst und die Kerne flutschten durch das Röhrchen in in den Handsauger. 

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