In der Schule wird sie ausgeschlossen, beim Bezahlen bekommt sie Panik, Kochen nach Rezept ist praktisch unmöglich. Ninas Rechenschwäche ist so schlimm, dass sie nicht einmal ein Verständnis für das Verhältnis von Mengen hat. Als ihre Dyskalkulie eines Tages eine andere Person in Lebensgefahr bringen könnte, trifft sie eine Entscheidung.

Früher hat Nina mit ihrem Vater nach der Schule oft Mathe gelernt. Das endete dann meist so: Sie hat geweint und der Haussegen hing für ein paar Wochen schief. Denn Nina versteht Mathe einfach nicht. Zahlen sagen ihr nichts. Sie versteht zum Beispiel nicht, dass sechs Euro dreimal so viel sind wie zwei Euro.

Das Problem mit der Mathematik zieht sich durch ihr gesamtes Leben. Sie kam als Frühchen auf die Welt. Als Kind wurden bei ihr Entwicklungsstörungen diagnostiziert. Sie war deswegen nie auf einer Grundschule, sondern kam gleich auf eine Sonderschule. Aber auch dort kam sie in Mathe nicht mit.

"Es hat mich auch sehr schnell von den anderen Kindern ausgeschlossen, weil ich wie der Doofe war. Und das hat sich dann durch mein ganzes Leben durchgezogen."
Nina

Dyskalkulie gilt als Behinderung

Mit 14 Jahren putzt Nina die Wohnung einer Frau, um ihr Taschengeld aufzubessern. Der fällt irgendwann auf, dass Nina große Schwierigkeiten mit Zahlen hat. Sie gibt ihr zu wenig Geld, um sie zu testen. Als Nina das nicht merkt, empfiehlt sie ihr einen Dyskalkulie-Check – und trifft mit ihrer Ahnung ins Schwarze.

Für Nina haben die Münzen und Scheine im Portemonnaie einfach keine Bedeutung. Deswegen ist das Barzahlen für sie jedes Mal die Hölle. Und auch andere, ganz alltägliche Tätigkeiten fallen ihr schwer. Sie versteht zum Beispiel keine Uhrzeiten: "Es ist ziemlich doof, wenn man an einer Bushaltestelle steht und man kann nicht lesen: Wann kommt eigentlich der Bus? Ich bin einfach auf gut Glück immer losgelaufen und war meistens zwei Stunden zu früh da zu einem Termin - aus totaler Angst zu spät zu kommen."

"Ich habe meinen Abschluss nur bekommen, weil ich das Datum so schön geschrieben hatte."
Nina

Nina muss Rechnen lernen

In der Schule schlängelt sich Nina durch. Mit guten Noten in anderen Fächern schafft sie es, sich von der Sonderschule zur Hauptschule hochzuarbeiten – und wird schließlich Krankenschwester.

Sie liebt den Beruf. Doch irgendwann kommt der Tag, an dem sie eine grundlegende Entscheidung treffen muss: Ein Patient mit einem akuten Herzinfarkt wird in die Klinik eingeliefert. Nina soll für den Arzt die Medikamente vorbereiten. "Ich war heillos überfordert, weil ich wusste, ich muss gewisse Medikamente erst ausrechnen."

Nina weiß, wenn sie jetzt einen Fehler macht, setzt sie das Leben des Patienten aufs Spiel.

Die ganze Geschichte hört ihr hier in der Einhundert.