Dissertation in der Bibliothek schreiben? Langweilig! Nora Schröder hat es anders gemacht – ab in den VW-Bus und los. Drei Monate, 12.000 Kilometer, 20 EU-Länder, eine Frage: Wie trägt politischer Protest zu einer gemeinsamen politischen Identität in Europa bei? Auf ihren Touren hat sie nicht nur Interviews für ihre Doktorarbeit gesammelt, sondern auch viel über Europa gelernt. Und über sich selbst.

Eine Busreise durch Europa wollte sie schon immer mal machen. Dass sie das mit ihrer Forschung verbinden könnte, daran hatte sie nicht gedacht. Und dann kam da dieses Europa-Thema. So fasste Nora Schröder den Entschluss, die Wissenschaft mit der Reiselust zu verbinden. Gesagt, getan! Und mit einem Stipendium des DAAD in der Tasche ging es dann los.

Nora Schröder guckt aus dem Dachfenster ihres Busses, der einer rumänischen Landschaft steht.
© Wiebke Henningsen-Klein
Nora Schröder mit ihrem Bus in Rumänien

Auf ihren Touren durch 20 EU-Länder befragte die Augsburger Politikwissenschaftlerin europäische Aktivisten, die sich gegen das Transatlantische Freihandelsabkommen TTIP einsetzen. Sie wollte herausfinden, wie so ein Engagement das Selbstverständnis der Aktivisten als EU-Bürgerin oder EU-Bürger und ihren Blick auf die EU verändert.

Protest vereint Menschen verschiedener Länder

Das politische Engagement, berichtet Nora, führt tatsächlich bei vielen Aktivisten dazu, dass sie eine Solidarität auch über Ländergrenzen hinweg erfahren. Die Aktivistinnen und Aktivisten merken, dass sie mit ihren Idealen nicht allein sind, sagt sie, und bekommen auch das Gefühl, mehr Macht im politischen Prozess zu haben.

Allerdings weniger in dem Sinne, dass die politischen Institutionen zuhörten, was die Bürgerinnen und Bürger zu sagen hätten. Es gehe mehr darum, dass man im Kleinen etwas verändern könne – etwa durch direkte Gespräche mit den Leuten auf der Straße, zum Beispiel bei einer Unterschriftenaktion, die Auseinandersetzung mit der EU stärken kann.

"Ich habe gemerkt, dass bei den Menschen so ein Bewusstsein dafür entstanden ist, dass es in anderen europäischen Ländern Menschen gibt, die ähnlich ticken, die ähnlich denken und die eben auch eine ähnliche Vision von der EU in der Zukunft haben."
Nora Schröder, Politikwissenschaftlerin und Europa-Reisende

Nora hat aber noch mehr entdeckt: zum einen schöne Orte, spannende Momente und interessante Menschen. Aber auch über sich selbst und ihre eigene Einstellung zu Europa hat sie auf ihrer Reise einiges gelernt, erzählt sie im Weltempfänger. Ihr Blick auf Europa habe sich dadurch verändert. Als Deutsche, so die Politikwissenschaftlerin, hätten wir auch ein spezifisches Bild der EU. Das sei dadurch geprägt, dass unser Land politisch und wirtschaftlich innerhalb Europas einflussreich ist und geografisch zentral liegt.

"Europa ist viel mehr als das, was uns hier durch die Medien vermittelt wird."
Nora Schröder, Politikwissenschaftlerin und Europa-Reisende

Beim Fahren entwickele man eben auch ein ganz anders Gefühl für Europa, für den geografischen Aufbau zum Beispiel. Wenn man etwa nach Tallinn fährt, das ganz real gute 2.300 Straßenkilometer von Brüssel entfernt liegt, erscheint einem das Gefühl, "Brüssel" sei weit weg, irgendwie nachvollziehbarer, so Nora.

Weiß eingezeichnete Reiseroute auf einer Europakarte
© Nora Schröder | DLF Nova
Noras Feldforschungsroute durch Europa

Mit ihrem Bus war Nora sehr flexibel und konnte so auch in abgelegene Regionen reisen, in die man sonst nicht so einfach kommt. Der Forschung hat es gutgetan, sagt sie, denn ein persönliches Gespräch nach einem gemeinsamen Essen habe eben eine andere Qualität als ein Skype-Interview mit einer nahezu Unbekannten.

"Ich hab das Gefühl, dass das Europäische Parlament noch viel zu wenig Einfluss in der europäischen Politik hat."
Nora Schröder, Politikwissenschaftlerin und Europa-Reisende

Für die EU würde Nora sich wünschen, dass das Europäische Parlament mehr Kompetenzen bekommt. Aber auch, dass die Menschen sich nicht nur durch Wahlen am politischen Prozess beteiligen, sondern auch andere Wege finden, sich einzusetzen. Dafür bräuchten sie aber auch mehr Möglichkeiten. Noras Appell deshalb an die EU-Institutionen: Europa muss mehr Räume und Möglichkeiten schaffen, um den Stimmen der Bürgerinnen und Bürger Gehör zu verschaffen.

Im Weltempfänger-Interview berichtet Nora noch viel mehr von ihrer Reise. Etwa von besonderen Begegnungen mit Menschen, die sie berührt haben, und von eigenen Vorurteilen, mit denen sie brechen musste. Um das ganze Gespräch zu hören, klickt oben auf den Play-Button.