In den letzten Jahren wurde immer wieder beobachtet, dass sich einige Quallenarten massenhaft vermehren. Schuld daran ist der Mensch. Tierexperte Mario Ludwig erklärt warum.

Über unsere Abwässer und die Düngung landwirtschaftlicher Flächen gelangen viele Nährstoffe über die Flüsse ins Meer. Diese Nährstoffe sorgen für eine starke Vermehrung des Planktons – die Hauptnahrung der Quallen, erklärt Mario Ludwig. Aber auch Fische ernähren sich von Plankton. Durch die Überfischung spielen diese Nahrungskonkurrenten der Qualle eine immer geringere Rolle. Bleibt mehr Nahrung für die Quallen.

"Es gibt deutlich mehr Quallen als früher. Da, wo es früher einzelne Quallen zu sehen gab, gibt es inzwischen regelrechte Quallenteppiche mit mehreren Kilometern Durchmesser."
Mario Ludwig, Tierexperte

Je mehr Futter, desto stärker vermehrt sich die Qualle. Wenn sehr viele Quallen in den Meeren unterwegs sind, tragen sie gleichzeitig auch noch dazu bei, dass die Fischarten, die sich von Plankton ernähren weiter verdrängt werden - weil sie das ganze Futter wegfressen. Obendrein räubern Räubern Quallen auch Fischeier, Larven und Jungfische.

Ein weiterer Vermehrungskatalysator ist der Klimawandel. Durch die Erwärmung der Meere laufen die Stoffwechselvorgänge der Tiere auf Hochtouren. Das hat zur Folge, dass sie sich auch schneller fortpflanzen.

Quallenteppiche so weit das Auge reicht

Die Auswirkungen sind spürbar: In der Deutschen Bucht ist der Heringsbestand um die Hälfte zurückgegangen – wegen der Quallen. Im Norwegischen Lurefjord hat die Quallenart Periphylla periphyllam unzählige Fischeier und Jungfische gefressen. Ergebnis: Der Fischbestand ist nahezu komplett ausgerottet. Im Benguelastrom vor der Südwestküste Afrikas haben die Quallen bereits den Platz der Fische eingenommen, sagt Mario Ludwig.

"Quallen haben das geschafft, was Atomkraftgegnern noch nicht gelungen ist - nämlich ein Atomkraftwerk lahmzulegen."
Mario Ludwig über die Auswirkungen der massenhaften Vermehrung der Quallen

Die Massenvermehrung hat an der Nordseeküste Schottlands nicht nur Fische vertrieben, sondern 2011 sogar ein ganzes Atomkraftwerk lahmgelegt. Die Quallen hatten die Filter des Kühlsystems des AKW Torness verstopft und damit das Kühlsystem geschädigt. Ähnliche Probleme mit Quallen erlebten auch Atommeiler in Schweden, Israel und Japan.

Quallen sind nicht zu stoppen

Zum Ausgleich gibt es noch ein paar Meerestiere, die Appetit auf Quallen haben. Beispielsweise verspeisen Thunfische, Delfine und Meeresschildkröten Quallen. Eine Lederschildkröte kann sogar täglich bis zu 100 Kilogramm Quallen fressen. Allerdings haben die Schildkröten das Problem, dass sie Plastiktüten nicht von Quallen unterscheiden können. Die kommen inzwischen ebenfalls massenhaft vor. Frisst eine Schildkröte jedoch Plastiktüten, kann das Tier am Ende daran sterben.

"Quallen werden in nicht allzu ferner Zeit die Herrschaft über die Weltmeere erobern."
Mario Ludwig, Tierexperte

Manche Wissenschaftler prognostizieren, dass die Quallen irgendwann sogar die bestimmende Tierart in den Weltmeeren sein wird. Nicht nur, weil sie Fische verdrängen, sondern auch weil sie resistenter sind gegen die Versauerung der Meere. Der menschengemachte CO2-Anstieg sorgt für ein zunehmend saures Klima in den Ozeanen. Viele Meerestiere haben ein Problem damit. Diese Säure greift zum Beispiel die Kalkskelette von Muscheln, Korallen, Krebsen oder Seesternen an. Quallen hingegen haben kein Kalkskelett. Möglicherweise werden sie auch diese Meeresbewohner überleben.


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