Bisher sind Quallen vor allem eins: lästig und störend. Allerdings könnte aus ihnen auch Kosmetik hergestellt werden. Oder sie könnten beim Kampf gegen Mikroplastik helfen. Das alles wird im europäischen Forschungsprojekt "GoJelly" erforscht. 

Quallen sind ein eher lästiger, aber irgendwie unvermeidlicher Bestandteil des Strandlebens geworden. Die Glibbertiere gehören zu den Gewinnern des Klimawandels und der Überfischung. Riesige Schwärme verschrecken Touristen, vernichten ganze Fischfarmen oder verstopfen teure Kühlsysteme.

Im europäischen Forschungsprojekt "GoJelly" gehen Wissenschaftler der Frage nach, ob Quallen nicht auch nutzbar gemacht werden könnten. Eine Idee ist, mit ihrer Hilfe Kosmetik herzustellen. Eine Andere, Quallen gegen Mikroplastik einzusetzen. 

Eine Urlauber hat eine Ohrenqualle )(Aurelia aurita)auf seine Hand gelegt, aufgenommen am 30.07.2008 am Darßer Weststrand zwischen Ahrenshoop und Prerow auf der Halbinsel Fischland-Darß. Foto: Stefan Sauer
© dpa - Report
So kennen wir alle Quallen als Urlaubserinnerung. Lästig, schleimig, störend.

Eine Gesichtscreme aus Qualle

Alte Pfannkuchen und nasser Hund klingen jetzt nicht gerade nach einer Kombination, die man sich gerne auf die Haut schmieren würde. Aber genau darum geht es: eine Gesichtscreme aus Quallen herzustellen. 

"Die Qualle ist, wenn die hier ankommt, gepökelt. Die kann man sich vorstellen wie große Pfannkuchen, die vielleicht nicht mehr ganz so frisch sind. Geruchlich bezeichne ich es immer gern als nasser Hund."
Susanne Woldmann, Bioingenieurin Coastal Research Management. Das Unternehmen stellt Kosmetik- und Medizinprodukte her.

Für die Creme trennen die Forscher allerdings nur ein Protein, sogenanntes Kollagen, aus der Quallenmasse heraus. Das erklärt Susanne Woldmann, während sie die stinkigen Pfannkuchen erst einmal in einem großen Mixer zerkleinert und anschließend mit einer Lösung versetzt. Abgesehen davon, dass die Tiere in diesem Fall schon tot sind, haben Quallen kein Nervensystem und daher auch ohnehin kein Schmerzempfinden.

Susanne Woldmann arbeitet bei der Firma Coastal Research Management, kurz CRM, in Kiel. Das kleine Unternehmen, das Kosmetik- und Medizinprodukte herstellt, forscht schon eine ganze Weile mit Quallen und ist daher auch ein Partner von "GoJelly". 

In dem europäischen Forschungsprojekt arbeiten unterschiedliche Wissenschaftler an einer zentralen Idee: Wenn Quallen sich wie Fische verkaufen und nutzen ließen, könnte der Siegeszug der glibberigen Wesen vielleicht gestoppt werden. 

Eine leuchtende Qualle im Ozean.
An der Nutzbarmachung von Quallen arbeitet das europäische Forschungsprojekt "GoJelly".

Levent Piker, Geschäftsführer der Kosmetikfirma erklärt, dass Quallen zwar zu 98 Prozent aus Wasser bestünden, aber genau das, was diese große Wassermenge zusammenhält, sei von Interesse: Proteine, die Wasser bindend wirken und stabil seien.

"Da sind Proteine, eine Mischung aus Zucker- und Eiweißverbindungen drin, was sehr wasserbindend wirkt, aber was auch gleichzeitig stabil ist."
Levent Piker über die Vorteile der Nutzung von Quallen

Kollagen hält nicht nur die Qualle zusammen, sondern gibt auch menschlicher Haut mehr Feuchtigkeit und strafft sie, meint CRM-Geschäftsführer Levent Piker. Die Kieler liefern ihr Kollagen mittlerweile auch an andere Firmen. Denn in der Kosmetikindustrie wird das Protein bereits seit Jahren eingesetzt. Ursprünglich stammte es aber von Rindern und Schweinen. Auch in der Medizin wird das Protein bereits verwendet. Das Interessante an dem Quallenkollagen ist aber, dass es nicht aus der industriellen Massentierhaltung stammt und auch andere, manchmal bessere Eigenschaften hat – beim Knorpelaufbau zum Beispiel.

Ein Filter aus Qualle 

Ortswechsel: Ein Stück weiter die Kieler Förde hinunter steht Jamileh Javidpour vor einem kleinen Aquarium, in dem Ohrenquallen elegant durchs Wasser schweben. Die iranische Forscherin vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung koordiniert alle Projekte von "GoJelly". Eine Idee liegt ihr dabei besonders am Herzen: Sie will nicht nur ein Gegenmittel gegen die Quallenplage entwickeln, sondern gleichzeitig auch ein zweites großes Problem in den Meeren angehen: Mikroplastik.

"Unser Hauptthema ist Mikroplastik, das wir mithilfe eines Quallenschleimfilters an Klärwasseranlagen aufnehmen wollen."

Jeder, der schon mal eine Qualle angefasst hat, kennt das: Sie hinterlässt einen klebrigen Schleim auf der Haut, der sich gar nicht so leicht wieder abwaschen lässt - und der eine erstaunliche Eigenschaft besitzt: Er saugt Partikelchen auf wie ein Schwamm. Daher soll nun mithilfe dieses Schleims ein Filter für Kläranlagen entwickeln werden. Geht die Idee auf, wäre es ein Coup: Aus den Kläranlagen würde weniger Mikroplastik ins Meer gelangen. Und gleichzeitig würden für die Schleimernte massenweise Quallen abgefischt.

Und noch viel mehr ist möglich

Doch damit ist Jamileh Javidpour noch längst nicht am Ende und zählt weitere Ideen auf: Quallen als Düngemittel, als Futter in Aquakulturanlagen oder auch als Nahrungsmittel für uns Menschen. 

Qualle, leuchtend unter Wasser
© imago
Nahrungsmittel der Zukunft, Düngemitttel oder Filter sind mögliche Nutzungsmöglichkeiten

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