Der heutige Zeitgeist ist in starkem Maße auf Arbeit, Tempo und Leistung ausgerichtet. Dadurch scheint uns eine bestimmte Lebenspraxis vorgegeben. Aber geht es nicht auch anders? Wie wäre es, die Faulheit als Tugend wiederzuentdecken und als Leitfaden für ein aktives Leben mit mehr Freiraum zu nutzen? Ein Plädoyer für mehr Zeit

Faulheit hat in der heutigen Zeit keinen guten Ruf. Das liegt daran, dass sie fast nur noch mit der Verweigerung von Arbeit gleichgesetzt wird. Aber das ist zu kurz gedacht. Die Frankfurter Philosophin Nassima Sahraoui unterscheidet im Hörsaal verschiedene Formen der Faulheit: Die gängige, rein negative Definition als völlige Zurücknahme geistiger und körperlicher Aktivität ist nur eine von vielen – und sie untergräbt jede Möglichkeit, die Faulheit auch positiv zu sehen, erklärt sie.

Aktive Faulheit als Widerstand gegen die ökonomische Taktung

Sahraoui betrachtet die Faulheit lieber in der Tradition der Antike als Muße. Und die hat gegenüber der heute gängigen Definition eine wichtige Qualität: die Kontemplation. Diese Faulheit beschreibt eine Aktivität in der Passivität, die die Grundlage ist für die Sammlung eigener Kräfte, für die Herausbildung von Fähigkeiten und Vermögen. So betrachtet können wir Faulheit auch als Lebenspraxis verstehen, die uns aus der vorherrschenden ökonomischen Taktung ein Stück weit befreien und uns Freiraum für Entwicklung verschaffen kann. 

"Muße und Faulheit dehnen die Zeit und schaffen dadurch erst den Raum, in dem ein Stück Freiheit für uns erfahrbar wird."
Nassima Sahraoui, Philosophin

Im Vortrag analysiert sie das Verhältnis von Arbeit zu Muße und stellt dabei verschiedene Konzeptionen von Faulheit seit der Antike vor. Sie erklärt, welche zentrale Rolle Zeit dabei spielt, und wie ihrer Ansicht nach aktive Faulheit und Muße einen anderen Mehrwert hervorbringen könnten als den rein ökonomischen - und letztendlich sogar das Potenzial hätten, die marktwirtschaftlichen Dynamiken zu verändern.

"Reichtum ist verfügbare Zeit, und sonst nichts."
unbekannt, vermutlich Sir Charles Wentworth Dilke

Nassima Sahraoui ist Philosophin aus Frankfurt am Main. Ihren Vortrag „Über das Verhältnis von Arbeit und Muße - Eine Philosophie der Faulheit“ hat sie am 22.September 2017 im Rahmen des 21. Philosophicum Lech  gehalten, das dieses Jahr unter dem Titel stand „Mut zur Faulheit. Die Arbeit und ihr Schicksal.“ 

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