Der Plastikmüll in unseren Meeren nimmt dramatisch zu. Meeresexpert*innen vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) und der Naturschutzorganisation WWF schlagen Alarm und sprechen von einem exponentiellen Wachstum. Sie haben eine gemeinsame Meta-Studie vorgestellt, für die sie insgesamt 2.500 Studien ausgewertet haben.

Wir kennen die Unterwasserbilder von Schildkröten, die sich in Müllresten verfangen und sterben. Oder die Luftbilder von oben, die die Müllberge zeigen, die durchs Meer treiben. Und wir wissen, dass man auch im Organismus der Meerestiere Plastik finden kann. Das Problem: Das alles wird nicht weniger, sondern viel, viel mehr. Laut einer Metastudie von WWF und AWI wächst die Verschmutzung der Meere mit Kunststoffen exponentiell – weil die weltweite Plastikproduktion weiter zunimmt.

Prognosen zufolge könnte sich die globale Plastikproduktion bis 2040 mehr als verdoppeln. Dadurch würde sich die Menge des Plastikmülls in den Meeren in den kommenden 30 Jahren vervierfachen. Die Verdreckung der Ozeane sei längst unumkehrbar, so WWF und AWI. Die Expert*innen fordern ein weltweit verbindliches Abkommen.

Fünf gigantische Müllstrudel

Die Metastudie habe verdeutlicht, dass Plastik in unseren Meeren inzwischen allgegenwärtig ist, sagt Meeresbiologin Melanie Bergmann vom Alfred-Wegener-Institut. Von den tiefsten Tiefseegräben bis hin zur Meeresoberfläche werde es gefunden.

"Auch in bestimmten Regionen von Mittelmeer oder Gelbem Meer werden bereits jetzt Schwellenwerte erreicht, wo sich das Plastik nachteilig auf das Ökosystem auswirken kann."
Melanie Bergmann, Meeresbiologin am Alfred-Wegener-Institut

Besonders schwer betroffen seien bestimmte Hotspots. Zum einen gebe es die bekannten fünf riesigen Müllstrudel – den nord- und südpazifischen, den indischen sowie den nord- und südatlantischen. Neben diesen Strudeln gebe es aber auch noch andere Regionen – etwa bestimmte Abschnitte des Mittelmeers, des Gelben Meers oder des arktischen Meereises – in denen bereits die ökologisch als riskant geltenden Schwellenwerte für die Konzentration von Mikroplastik erreicht würden.

Was Plastik im Meer alles anrichtet

Kunststoffmüll, der einmal im Meer gelandet ist, lässt sich praktisch kaum mehr rückstandslos entfernen. In den großen Plastikteilen könnten sich Tiere – etwa Meeresschildkröten oder Delfine – verheddern, so dass sie nicht mehr zur Meeresoberfläche schwimmen können, um Luft zu holen, erklärt Melanie Bergmann. Außerdem werde das Mikroplastik natürlich mit der Nahrung aufgenommen und könne dadurch zu inneren Verletzungen, Verstopfung oder auch falschem Sättigungsgefühl führen, so dass die Nahrungsaufnahme herabgesetzt wird.

"Mikroplastik, das über die Nahrung aufgenommen wird, kann zu inneren Verletzungen, Verstopfung oder auch falschem Sättigungsgefühl führen."
Melanie Bergmann, Meeresbiologin am Alfred-Wegener-Institut

Zudem würden durch das Plastik zum Teil auch giftige Inhaltsstoffe aufgenommen, die dann ihre giftige Wirkung im tierischen Organismus entfalten. Mögliche Folgen: Veränderungen in der Zellfunktion, Immunreaktion, veränderte Wachstumsgeschwindigkeit, verringerte Nahrungsaufnahme, Veränderung beim Fortpflanzungserfolg.

Deutschland exportiert viel Plastik

Auf der Liste der Plastik exportierenden Länder rangiere Deutschland, historisch betrachtet, auf Platz vier, sei also "auf jeden Fall gut mit dabei", sagt die Meeresbiologin. Die Kunststoffe, die in andere Länder exportiert werden, seien ja aber nicht weg aus der Gesamtrechnung. Im Gegenteil: Zum Teil würden sie eben auch in Länder exportiert, die gar nicht die Infrastruktur hätten, mit diesem Müll dann auch gut umzugehen. Manchmal lande es in solchen Ländern dann einfach in der Umwelt oder werde – unter noch viel schlimmeren Bedingungen – verbrannt, und das ohne Filter, so dass es auch noch zu Gesundheitsschäden in der Bevölkerung führen kann.

Neben der Plastikverschmutzung gebe es eine Vielzahl von Faktoren, die negativ auf die Meere einwirken, erklärt Melanie Bergmann. Die Erderwärmung infolge des Klimawandels sei sicherlich gerade die bedrohlichste Entwicklung. Dazu komme das Massensterben, das in den Ozeanen stattfinde. Der Plastikmüll, so komisch das klingt, sei quasi der "Tropfen, der aber an vielen Stellen vielleicht das Fass dann auch mit der Zeit zum Überlaufen bringen könnte".

"Noch sind die Meere ja nicht zerstört. Neben der Plastikverschmutzung gibt es eine Vielzahl von Faktoren, die auf die Meere einwirken."
Melanie Bergmann, Meeresbiologin am Alfred-Wegener-Institut

Ein schnelles weltweites Umdenken und Umsteuern sei bei der Plastikproduktion nötig – so wie es WWF und AWI mit dem verbindlichen internationalen Abkommen fordern. Ein internationales Problem erfordert auch internationale Regelungen, findet Melanie Bergmann. Jede Nation müsse ihren Teil dazu beisteuern, um die Plastikherstellung zu reduzieren. Ähnlich wie beim Pariser Klimaschutzabkommen brauche es klare Zielvereinbarungen, die dann von den jeweiligen Ländern umgesetzt werden müssten. Die Einhaltung der Vereinbarungen müsse von einer unabhängigen Organisation regelmäßig überprüft und nachgeschärft werden.

In drei Wochen beginnt die UN-Umweltversammlung. Wenn ein solches Abkommen versäumt wird, werde es zu einer ähnlichen Situation kommen wie bei der Erderhitzung. Dann sei es zu spät.

  • Moderation:  Jenni Gärtner
  • Gesprächspartnerin:  Melanie Bergmann, Meeresbiologin am Alfred-Wegener-Institut (AWI)