Cremes, Lotionen und Seifen - das bietet ein polnischer Onlineshop für Kosmetika vermeintlich an. Aber eigentlich steckt etwas ganz anderes dahinter: ein Hilfsangebot für Opfer von häuslicher Gewalt.

Die ungewöhnliche Idee zu dem Fake-Onlineshop hatte vor zwei Jahren eine 16-jährige Schülerin aus Polen. So ist während des ersten Lockdowns im vergangenen Jahr "Rumianki i bratki" (Kamille und Stiefmütterchen) entstanden, durch eine spontane Eingebung, die die Initiatorin Krystyna Paszko hatte.

Mit diesem Hilfsprojekt wollte sie zunächst Menschen aus ihrem Bekanntenkreis, die häusliche Gewalt erfahren hatten, unterstützen. Dass es dann doch ein Angebot für ganz Polen wurde, lag an der großen Nachfrage. Um die Initiative auf die Beine zu stellen, hat Krystyna mit der Organisation "Zentrum für Frauenrechte" zusammengearbeitet. Mittlerweile hat die EU Krystyna Paszko für diese Initiative mit dem EU-Preis für zivile Solidarität ausgezeichnet.

"Ursprünglich war die Initiative nur für meine Bekannten gedacht. Ich hatte nicht vor, sie polenweit zu starten. Aber die Reaktion darauf war so groß, so viele Menschen haben sich bei uns gemeldet."
Krystyna Paszko, Initiatorin des Hilfsprojekts "rumianki i bratki" (Kamille und Stiefmütterchen)

Opfer von häuslicher Gewalt werden oftmals von den Tätern, die mit ihnen in einem Haushalt leben, beobachtet. Deswegen sind sie in der Regel sehr vorsichtig, wenn sie nach Hilfe suchen.

Den vermeintlichen Online-Shop für Kosmetika gibt es nur auf Facebook. Wenn eine hilfessuchende Person das Hilfsprojekt über den Facebook-Messenger anschreibt, versuchen die rund 30 Freiwilligen aus den Nachrichten herauszulesen, ob es sich um jemanden handelt, der häusliche Gewalt erfahren hat.

Zwischen den Zeilen Hilferufe per Facebook-Messenger verschicken

Bei ihren Nachfragen sind die Juristinnen und Psychologinnen in der Regel sehr vorsichtig, um Hilfesuchende nicht zu gefährden. Da die meisten über Mund-zu-Mund-Propaganda von diesem Projekt erfahren, melden sich in der Regel hauptsächlich Menschen, die um ihre Unversehrtheit oder auch ihr Leben fürchten. Selten ist mal jemand dabei, der das Angebot für einen realen Online-Shop hält.

Im Notfall wird die Polizei informiert

Hanna Kosub ist Jurastudentin und macht von Anfang an bei der Initiative mit. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass vor allem der erste Kontakt schwierig ist, weil viele der Gewaltopfer nicht direkt nach Hilfe fragen.

Die Hilfesuchenden sind sehr kreativ und sagen beispielsweise, dass eine Creme, die sie im Online-Shop gekauft hätten, Flecken hinterlasse. Manchmal gehen Bestellungen mit einer Wohnanschrift ein. Wenn Hanna Kosub oder eine ihrer Kolleginnen den Eindruck haben, dass es sich um einen Notfall handelt, informieren sie umgehend die Polizei.