Die Polizei hat in den vergangenen Jahren so viele Überstunden gemacht wie noch nie. Sie fordert mehr Personal. Denn schon jetzt kann sie bestimmte Verbrechen nicht mehr aufklären.

Die Meldung sorgte für Aufregung: 22 Millionen Überstunden soll die Polizei im Jahr 2016 geleistet haben. Rekord! So titelte die "Bild"-Zeitung.

So ganz stimmt das aber nicht, sagt Gudula Geuther aus unserem Deutschlandradio-Hauptstadtstudio. Denn die 22 Millionen haben sich über einen längeren Zeitraum angesammelt, nicht nur im vergangenen Jahr. "Der ganz große Teil stammt aus dem Jahr 2015", sagt Gudula Geuther. Trotzdem sei die Zahl unglaublich hoch - und ein Rekord.

Viele Überstunden bei geplanten Großeinsätzen

Vor allem der Flüchtlingszustrom im Jahr 2015 hat dazu beigetragen, dass die Polizei Überstunden machen musste: Grenzkontrollen, die Datenaufnahme an der Grenze, Polizeieinsätze in Flüchtlingsunterkünften und generell Sicherheitsmaßnahmen, die im Zuge des Flüchtlingszustroms anfielen.

Hinzu kamen einige Sicherheitsvorkommnisse, sagt Gudula Geuther, wie etwa das wegen einer Bombendrohung abgesagte Fußballspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden im November 2015. Danach wurden die Sicherheitsvorkehrungen hochgeschraubt und mehr Polizisten eingesetzt.

Darüber hinaus fallen besonders bei klassischen Großeinsätzen Überstunden an, sagt Gudula Geuther. Zum Beispiel bei Fußballspielen.

"2015 gab es 1,7 Millionen Einsatzstunden zur Sicherung der Bundesliga."
Gudula Geuther aus dem Deutschlandradio-Hauptstadtstudio über Überstunden bei der Polizei

Fußballspiele oder Großereignisse wie der diesjährige G20-Gipfel in Deutschland sind Einsätze, die viel Personal erfordern, sagt Gudula Geuther.

Straftaten kann nicht richtig nachgegangen werden

Laut Sebastian Fiedler vom Bund deutscher Kriminalbeamter sind es vor allem drei Bereiche bei den Länderpolizeien, in denen regelmäßig zu viel gearbeitet wird: Die Spezialeinheiten, die Bereitschaftspolizei und die Kriminalpolizei.

Einfach keine Überstunden machen und die Arbeit anders strukturieren - keine Lösung, sagt Sebastian Fiedler. "Bei uns würde das bedeuten, dass die Kriminalpolizei bestimmten Straftaten nicht mehr nachgeht", so der Kriminalbeamte. Wegen des Strafverfolgungszwangs würde das in Deutschland aber gar nicht gehen, sagt Sebastian Fiedler - also wird weiter ermittelt - wenn auch auf Sparflamme.

Sebastian Fiedler vom Bund deutscher Kriminalbeamter über die Folgen von zu wenig Personal
"Das bedeutet im Ergebnis, dass wir in bestimmten Deliktsbereichen die Kriminalität de facto nur verwalten und nicht mehr so ermitteln."

Es gibt zu wenig Personal für zu viele Delikte und Spuren. Und das hat zur Folge, dass besonders im Bereich der Massenkriminalität Abstriche gemacht werden müssen, sagt Sebastian Fiedler. Diebstähle, Körperverletzungen, Einbrüche - allen Spuren nachzugehen, ist wegen Personalmangels oft nicht möglich.

Auch im Bereich der Terrorismusbekämpfung fehlt es an Beamten, die allen Hinweisen nachgehen, so der Polizeibeamte. Seine Forderung ist daher klar: Es braucht mehr Personal.

"Bezogen auf die Bundesrepublik dürften wir seriös von 40.000 - 50.000 zusätzlichen Polizeibeamten ausgehen."
Sebastian Fiedler vom Bund deutscher Kriminalbeamter