Viele Verbote, zu wenig Freiheiten und die Maskenpflicht – seit Monaten gehen Menschen deswegen auf die Straße. Sie demonstrieren gegen die Corona-Pandemie-Politik von Bund und Ländern. Die Querdenker-Initiative aus Baden-Württemberg konnte dabei besonders viele Menschen mobilisieren.

Im Frühjahr waren es einige tausend Demonstrierende – vor allem in Baden-Württemberg. Anfang August protestierten in Berlin bis zu 20.000 Menschen – mitorganisiert wurde das Ganze von der "Querdenken"-Initiative (auch: Querdenken 711). Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Katharina Thoms beobachtet seit Monaten die Proteste in Stuttgart und gibt eine Einschätzung dazu, wieso die Querdenken-Initiative besonders in Baden-Württemberg viel Zuspruch findet.

"Das Erfolgsrezept ist, dass man sich nicht drauf einigt, wofür man ist, sondern eher wogegen man ist."
Katharina Thomas, Deutschlandfunk Nova

Zu Beginn, also im April und Mai, seien es vor allem Menschen gewesen, die genug hatten von Abstandsregeln, Hygienevorschriften und Ladenschließungen. Manche waren die Pandemie-Politik leid oder hatten Zweifel daran, ob die Corona-Einschränkungen gerechtfertigt waren, sagt unsere Reporterin.

Inzwischen würden sich bei den Querdenken-Demos sehr unterschiedlich motivierte Menschen zusammenfinden und die Gruppe sei auch ein wenig kleiner geworden. Der Kern der Initiative vereine esoterisch denkende Menschen, Waldorf-Anhänger und Menschen, die von den Grünen und ihrer Regierungspolitik hier in Baden-Württemberg ernüchtert seien.

Aber auch Menschen mit rechtsextremem Gedankengut, die an Verschwörungsmythen glauben oder denken, dass Medien die Bürger nur einseitig informieren würden, nehmen an den Veranstaltungen der Querdenken-Initiative teil, so Katharina Thoms.

Der Erfolg liegt in der Offenheit der Initiative

Bevor die Bewegung in Baden-Württemberg bekannt wurde, gab es sogenannte erste "Hygiene-Demos" in Berlin. Ab Mitte April wurde die Initiative "Querdenken 711" dann in Baden-Württemberg aktiv. Erst gab es nur kleine Grüppchen. Aber recht schnell wurde die Initiative größer und viel erfolgreicher als in Berlin beispielsweise.

Alle sind willkommen, niemand wird ausgeschlossen

Dass die Gruppierung so stark durchmischt und so erfolgreich ist, hängt wohl damit zusammen, dass sie sich als sehr offen präsentiert, sagt Katharina Thoms. Alle seinen willkommen, keiner werde ausgeschlossen, darauf beruhe der Erfolg, sagt unsere Reporterin.

"Wir haben hier eine sehr starke Tradition des Platonismus, also diese alte griechische Lehre, das angeblich die ganze Welt eine Täuschung ist, und dass es den Befreier braucht, der uns dann dann ans Licht führt."
Michael Blume, Religionswissenschaftler und Antisemitismus-Beauftragter in Baden-Württemberg

Michael Blume, Religionswissenschaftler und Antisemitismus-Beauftragter in Baden-Württemberg, ordnet die Grundgedanken der Initiative ein. Zum Beispiel dass angeblich die gesamte Welt eine Täuschung sei und einen Befreier brauche. Michael Blume sieht da Anlehnungen an die antike griechische Philosophie und zieht einen Vergleich zu Platon. Die Demos stehen für ihn im Zusammenhang mit einer historischen Protest-Tradition im Schwabenland. Blume nennt es einen "Aufstand der Provinz", der als Motor funktioniere.

"Eine besondere Beschäftigung mit Ernährung, Bewegung und einem gesunden Lifestyle, wie man heute sagen würde, ist ja an und für sich erst mal nicht politisch definiert. Kann aber in verschiedenen politischen Kontexten entsprechend gerahmt werden."
Julian Strube, Universität Münster

Ein Grundgedanke dieser Bewegung sei auch, dass es höhere Ideen gibt, die aber die meisten Menschen nicht sehen. Viele könnten nur die Schatten der Wirklichkeit erkennen, fasst Katharina Thoms die Ideen hinter der Querdenken-Bewegung zusammen.

Auch in der Anthroposophie, die sich auf Rudolf Steiner bezieht, gäbe es ein ähnliches Denken – das seine Anhänger zu einer Kritik an zentralen Organen und an der Wissenschaft bewege, sagt Michael Blume.

Natürlich seien nicht nur Anthroposophen auf den Querdenken-Demos anzutreffen, sondern auch Menschen, die rechtsextremes Gedankengut verbreiteten. Das sei eine Einschätzung von Experten, die Katharina Thoms befragt hat. Genaueres lässt sich bisher nicht dazu sagen, da es keine Daten oder Statistiken über die Teilnehmer dieser Demos gebe. Besonderen Anklang fänden die Demos, wenn esoterischen Denken im Vordergrund stehe, sagt Katharina Thoms.

"Heute heißt es dann hier die Schlafschafe, da die Erwachten, die die Wahrheit kennen. Und das passt eben alles: Esoterisches hatte auch schon immer Anknüpfungspunkte in aller politischen Richtungen."
Katharina Thoms, Deutschlanfunk Nova

Generelle Kritik an Corona-Politik wird zur Systemfrage

Die Strömung sei radikaler geworden, und es kursierten immer extremere Verschwörungsmythen, so Katharina Thoms. Gerade in der Kerngruppe, die sich inzwischen über ganz Deutschland verteilt, seien verschwörerische Erzählungen aufgenommen worden. Eine generelle Kritik an der Corona-Politik der Regierung und an den Medien werde dabei immer mehr zu einer Systemfrage.