Jan Kalbitzer ist Psychotherapeut. Mit 37 Jahren bekommt er plötzlich Angst vor dem Tod, die sich in Stresssymptomen und dann in einer schweren Erschöpfung äußert. Er beschäftigt sich mit dieser Angst und versucht sie zu ergründen. Dabei stellt er fest, dass sie ihm die Chance bietet, ein glückliches Leben zu führen. Über seine Erfahrungen mit der Angst vor dem Tod schreibt er ein Buch, das jetzt veröffentlicht wurde.

Die Ängste, die Jan Kalbitzer mit 37 Jahren erlebt, äußern sich zunächst als "ein komisches Gefühl", das er so noch nicht erlebt hat. Er liegt mit geschlossenen Augen auf dem Bett und hat das Gefühl nach hinten zu fallen, wie in einen riesigen, unendlichen Raum. Diese Erfahrung dauert ungefähr zwei Minuten lang an, sagt er. Danach ist auch sein Körpergefühl anders: Er hat das Gefühl, dass er sich von außen beobachten kann. Viele Buddhisten versuchen, diesen Zustand bewusst herzustellen, in dem sich Jan ganz unerwartet befindet. 

Dieses Erlebnis trifft ihn in einem Moment in seinem Leben, wo äußerlich alles gut zu sein scheint. Er arbeitet als Psychiater, forscht an der Charité, lebt in einer glücklichen Partnerschaft und ist Vater geworden.

"Das Geschenk besteht darin, wenn man nicht wegläuft vor der Angst, sondern sich damit beschäftigt, dann kann man sie wie einen Kompass benutzen, der einem zeigt, wo man langgehen muss."
Jan Kalbitzer, Psychotherapeut

Oft ist genau der Moment, an dem wir glauben, alles erreicht zu haben, auch der Moment, an dem viele Menschen "taumeln", sagt der Psychiater. Plötzlich haben wir kein klares Ziel mehr vor Augen und müssen selbst entscheiden, wie es weitergehen soll, sagt Jan Kalbitzer. Das sei eine ganz schöne Herausforderung für viele. 

Verunsicherung erhöhte den Stress

Im ersten Moment fühlt sich Jan von diesem unbekannten Gefühl verunsichert, weil er nicht genau einschätzen kann, was gerade mit ihm passiert. Er wird nervös, erzählt er, beginnt seinen Puls zu fühlen und stellt fest, dass sein Herzschlag schneller ist, als normal. 

Angst bietet Chance zur Weiterentwicklung

Aus medizinischer Sicht hat dieses Gefühl der Angst, die ihn übermannt, Kriterien einer Panikattacke erfüllt. "Es gab Aspekte, die sicherlich etwas Depressives hatten und es gab auch Aspekte von einer Angststörung, die da mit drin waren." Jan Kalbitzer entscheidet sich aber bewusst dazu, keine psychologischen Diagnosekategorien zu nutzen, um seinen Zustand zu beschreiben. Er sieht seine Angst viel mehr als eine Chance, sich weiterzuentwickeln. Und das tut er, indem er sich damit auseinandersetzt. 

"Ich bin zwar Psychiater, aber ich wollte keine Diagnose darüber fällen. Es gibt die Diagnose und bestimmte Sachen, die nach dem Standardschema sinnvoll sind. Aber wir Psychiater und Psychologen müssen auch akzeptieren, dass es auch andere Wege gibt, die sehr hilfreich sein können."
Jan Kalbitzer, Psychotherapeut

Nach dem er weiß, dass medizinisch alles in Ordnung mit ihm ist, entscheidet er sich sich, seine Ängste anders anzugehen. Er spricht mit verschiedenen Menschen über seinen Gefühlszustand - sowohl mit Freunden als auch mit Therapeuten. 70 Prozent seiner Bekannten, mit denen er über sein Gefühl während eines Angstzustands gesprochen hatte, kannten das Gefühl - auch wenn sie dabei andere Symptome hatten.

Gespräche führen, um eigene Verfassung einzuordnen

Jan Kalbitzer empfiehlt, auch anderen, Gespräche zu führen, wenn sie das Gefühl haben, in einer Krise zu stecken. Er sagt, dass es uns helfen kann, herauszufinden, ob wir professionelle Unterstützung benötigen, wenn wir mit Freunden über Probleme sprechen. Denn dabei können wir feststellen, wie es sich anfühlt, wenn wir beispielsweise über unsere Ängste sprechen. 

Alles, was hilft: Gesprächstherapie, Samba und Osteopathie

Jans Weg, sich seinen Ängsten zu stellen, war erst mal ein intuitiver. Er sagt, dass er einfach alles ausprobiert hat, was ihm dazu eingefallen ist. Er nimmt Kontakt sowohl zu Geistlichen als auch zu bekannten Psychologen wie Eva Jaeggi, Steven C. Hayes und Irvin Yalom auf. Bei dem US-amerikanischen Psychoanalytiker Irvin Yalom nimmt er Therapiestunden per Videokonferenz. 

"Ich war selten so glücklich wie jetzt"

Aber auch die Begegnungen mit einer Osteopathin und die Stunden bei einem Sambalehrer nimmt er als bereichernde Erfahrung mit. Sie helfen ihm, sich mit sich und seinem Körper auseinanderzusetzen und seine Ängste vor dem Tod tiefer zu ergründen. 

"Letztendlich ist es so, dass der Tod nicht schön ist. Dadurch, dass wir sterben, wird unser Leben aber erst wertvoll."
Jan Kalbitzer, Psychotherapeut

Das Buch:

Jan Kalbitzer: "Das Geschenk der Sterblichkeit - Wie die Angst vor dem Tod zum Sinn des Lebens führen kann". Paperback, 18 Euro. Erscheinungsdatum: 22.10.2018, Blessing Verlag.

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