Die Ehe in Deutschland ist inzwischen offen für alle, und in der Geburtsurkunde kann als Geschlecht "divers" eingetragen werden. Die Gesellschaft wird langsam offener. Fragt man queere Menschen, bestätigen viele: Das verändert nicht nur die gesetzliche Lage, sondern auch das eigene Leben.

Das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz schützt in Deutschland vor Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung und aufgrund des Geschlechts. Trotzdem haben viele queere Menschen in ihrem Leben viele diskriminierende Erfahrungen machen müssen – und tun es noch. Doch die Situation verbessert sich Stück für Stück.

"Die Akzeptanz für queere Personen nimmt seit den 60er Jahren kontinuierlich zu. Systematische Rückschläge können wir dagegen nicht beobachten."
Ulrich Klocke, Psychologe

Ulrich Klocke ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Psychologie an der Humboldt-Universität in Berlin. Er hat die Entwicklung der letzten Jahrzehnte untersucht. Dafür hat er auch viele Interviews mit queeren Menschen durchgeführt.

Er hat festgestellt: Viele Gesetze der letzten Jahre fördern die Gleichstellung queerer Menschen. Gleichzeitig wird auch die gegenüber ihnen Akzeptanz höher. Unklar bleibe allerdings, ob die Gesetze zu mehr Offenheit führen, oder – umgekehrt – ob durch mehr Offenheit Druck auf die Gesetzgebung ausgeübt wird.

"Vorsichtig optimistisch könnte man sagen, dass sich die Gesetzgebung auf die Einstellungen in der Mehrheitsbevölkerung auswirkt. Denn Gesetze beeinflussen auch gesellschaftliche Normen."
Ulrich Klocke, Psychologe

Was die Forschung auch nicht beantworten kann: Über wie viele homo- und bisexuelle, bzw. trans und intergeschlechtliche Personen wir eigentlich sprechen. Denn Statistiken zu deren Anteil schwanken je nachdem, wie danach gefragt wird, zwischen 2 und 10 Prozent der Bevölkerung.

Der Alltag für queere Menschen verändert sich

Marcel Dams ist 31 Jahre alt, arbeitet in der Aids-Hilfe Nordrhein-Westfalen und setzt sich als Aktivist für die Rechte von Schwulen ein. Alexander Wilmers (Name geändert) studiert Soziale Arbeit und arbeitet ehrenamtlich in der Trans-Jugendarbeit. Er ist als Mädchen groß geworden, ist aber ein Mann. Beide sind jung, queer und sind sich einig: Die Gesellschaft ist offener geworden – und dennoch gibt es für sie noch viele Hürden.

"Es bringt einem leider wenig, wenn die Gesellschaft offen ist, aber die eigene Mutter oder der eigene Vater nicht."
Marcel Dams, Schwulenaktivist aus Köln

Für Marcel ist es einfacher geworden, sich zu öffnen. Das war aber nicht immer so. Gerade in der Schulzeit war schlimm, sagt er. Obwohl er nicht in einer Kleinstadt aufgewachsen ist, fühlte er sich allein und dachte, es gäbe niemanden, der so ist wie er.

Heute weiß Marcel, dass es wahrscheinlich noch viele andere gab, die aber nicht sichtbar waren, die ihre Identität versteckten. Denn auch, wenn eine Gesellschaft grundsätzlich offener wird: Wenn das eigene Umfeld es nicht ist, bringt einem das wenig, sagt Marcel.

Unverständnis für queere Menschen

Alexander ist zwar ein Mann – aber auch heute noch wird er von vielen Menschen mit dem falschen Gender angesprochen.

"Obwohl ich einen Bart habe und alles passiert es mir noch, dass ich falsch gegendert werde. Das ist sehr unangenehm. Denn oft kann ich in der konkreten Situation nicht den Mut aufbringen, um zu sagen: Hey, das geht gar nicht!"
Alexander Wilmers (Name geändert), Ehrenamtle in der trans*- Jugendarbeit

Eine Erfahrung, die er auch heute immer noch machen muss: Unverständnis. Besonders bei Ärztinnen und Ärzten muss Alexander sich oft erklären. Heute geht er zwar zu einer verständnisvolle Gynäkologin, doch er kennt es auch, wenn eine Mitarbeiterin nicht nachvollziehen kann, warum nun ein Mann eine gynäkologische Untersuchung haben möchte.

Negative Erfahrungen prägen sich ein

Auch Marcel kennt diskriminierende Erfahrungen. Er sagt: Egal, wie lange solche Erfahrungen her sind – sie bleiben hängen und wirken sich auf einen aus. Auch heute noch fragt er sich manchmal, ob er richtig ist und ob er so sein darf, wie er ist. Bei aller Offenheit, die es mittlerweile gebe, verschwänden solche Erfahrungen trotzdem nicht einfach.

Was beiden hilft: Ein Umfeld, das sie unterstützt. Ein Umfeld, in dem es Menschen gibt, die an ihren Problemen interessiert sind, die zuhören und die Vielfalt zulassen. So ein Umfeld finden sie gerade in der queren Community, wo viele Menschen zusammenkommen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Platz für Unsicherheiten und Fragen

Beide wünschen sich aber auch einen Austausch außerhalb der Community. Sie glauben, das funktioniert nur, wenn es auch Platz für Unsicherheiten und Fragen auf beiden Seiten gibt. Marcel erzählt, dass auch er verunsichert war, als er das erste Mal von nicht-binären Menschen gehört hat. Auch er wusste nicht: Was bedeutet das eigentlich?

Für Alexander ist auch klar: Man kann nicht alles wissen. Er beantwortet gerne Fragen – wenn sie respektvoll sind. Gleichzeitig müsse man auch akzeptieren, wenn eine Person nicht darüber sprechen möchte.