Wenn Pilze eines gut können, dann ist das flexibel in alle Richtungen zu wachsen. In einem Forschungsprojekt der TU Berlin wird sich diese Eigenschaft zu Nutze gemacht, um ressourcenschonendes Material für den Alltag zu entwickeln.

Citizen Sciencentists sind Bürgerforscherinnen. Also Menschen, die beispielsweise Insekten zählen und ihre Daten dann mit Berufsforschenden teilen. Beim Citizen-Science-Projekt "Mind the Fungi" – Achtung, Pilze geht die Zusammenarbeit zwischen Laien und Universitäten noch weiter. Hier forschen Biologen zusammen mit Materialwissenschaftlerinnen, Hobby-Züchtern und Künstlerinnen daran, wie sich aus Pilzen umweltschonende Gegenstände formen lassen.

Die Basis ist Myzel

Zu Beginn hat das Wissenschaftsteam Pilze aus den Wäldern Berlin-Brandenburgs gesammelt, um sie dann im Labor in Reinkultur zu bringen. Die Pilze sollen also nicht mit anderen Pilzen und Bakterien wachsen, wie in der Natur, erklärt Bertram Schmidt, Doktor für angewandte und molekulare Mikrobiologie an der TU Berlin.

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Um zu verstehen, wie man aus Pilzen ein Material heranzüchten kann, das sich zum Beispiel als Verpackungsmaterial eignet, muss man erstmal den Organismus eines Pilzes verstehen. Denn das, was wir von den Pilzen im Wald sehen – der rot-weiße Schirm eines Fliegenpilzes etwa – ist nur die Frucht, erklärt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Grit Eggerichs. Das, was im Verborgenen liegt, unter der Erde oder im Holz, ist eigentlich der größte Teil: Das Myzel.

Das Myzel ist ein großes Netz aus Fäden, das sich die Energie zum Wachsen aus den Nährstoffen des Bodens oder aus dem Holz holt. "Mind the Fungi" arbeitet viel mit dem Zunderschwamm, der im Holz wächst.

Ein Fahrradhelm aus einem Pilz

Zunächst wird das Myzel in einer Petrischale herangezüchtet. Die gewachsenen Myzel-Stücke werden danach zusammen mit abgekochtem Getreide in einen Beutel gesteckt und wachsen dort weiter. Danach werden noch Holzspäne oder Hanffasern hinzugemischt. Das entstandene Substrat soll dann je nach Wunschform in eine 3-D-Schablone hineinwachsen.

Petrischale mit Myzel
© Grit Eggerichs
Auf diesen Agarplatten (Petrischalen mit Nährlösung) werden verschiedene Myzelstämme gezüchtet.

Bastian Schubert studiert Biotechnologie, schreibt seine Bachelorarbeit bei "Mind the Fungi" und arbeitet an einem Fahrradhelm aus Pilzmaterial. Auch der Helm "wächst" in einer 3-D-gedruckten Form heran.

Bastian Schubert hat einen Helm aus Pilzmaterial auf
© Grit Eggerichs
Bastian Schubert und der Prototyp seines Pilz-Helms.

Dabei gibt es eine Innenform, die die Form eines Schädels hat und eine Außenform, erklärt Bastian Schubert. Die Pilzfäden verbinden sich dann mit den Holz- oder Hanffasern und es entsteht solange Masse, bis die Helmform ausgefüllt ist. Wenn es soweit ist, wird der Pilz bei 60 Grad getrocknet und stirbt damit sicher ab, erklärt Bastian Schubert. Durch das Trocknen wird er sehr leicht.

Noch nicht wasserfest

Eine Schwäche hat der Helm jedoch: Er ist nicht wasserfest. Ein Myzel wächst zwar schnell, verrottet aber auch schnell wieder, wenn es zerkleinert und befeuchtet wird. Mit interdisziplinärer Forschung soll dieses Problem gelöst werden. Kolleginnen aus der Bio-Polymertechnik arbeiten beispielsweise an einem biologisch abbaubaren und wasserfesten Überzug.

Nachhaltige Einweg-Produkte

Der Helm ist nur ein Beispiel. Im Moment stellen wir die Dinge, die wir am kürzesten brauchen aus den langlebigsten Materialen her: Polster und Füllmaterial in Paketen zum Bespiel. Nach einmal nutzen wird es meistens weggeschmissen. Pilze dagegen könnten ohne Verlust von Qualität einfach wieder in den Verwertungszyklus aufgenommen werden.

"Im Moment stellen wir die Dinge, die wir am kürzesten brauchen, aus den langlebigsten Materialien her. Kaum jemand bewahrt so etwas auf – also kommt es in den Müll und wird schlechtestenfalls verbrannt."
Grit Eggerichs, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Mit Pilzen könne man dagegen immer wieder aus einem ähnlichen Substrat gleich hochwertige Produkte hervorbringen, sagt Betram Schmidt.

Und wer weiß, vielleicht sind unsere Päckchen in naher Zukunft nicht mehr mit Styropor, sondern mit Pilz ausgefüllt.