Ferkel-Kastration ohne Betäubung sollte eigentlich ab 2019 verboten sein. Aber Anfang Oktober wurde die Frist für Landwirte um zwei Jahre verlängert. Dabei gibt es Alternativen.

Ferkel in Deutschland werden zeitnah nach der Geburt kastriert. Aber ohne Betäubung. Für die Tiere ist das sehr schmerzhaft - deshalb sollte es eigentlich ab 2019 verboten sein. Dieses Verbot hat jetzt aber von der Politik einen Aufschub um weitere zwei Jahre bekommen. Die Große Koalition hat das so beschlossen - was für viel Kritik gesorgt hat, besonders bei den Grünen. 

Dass die Kastration ohne Betäubung für die Tiere grausam ist, bestreitet niemand. Aber aus dem System heraus betrachtet, hat die Sache viele Seiten, die wir uns anschauen wollen. Es gibt zwar Alternativen, aber auch für die findet sich ein Für und Wider. 

5 Prozent der Eber sind Stinker

Klären wir zunächst die Frage, warum Ferkel überhaupt kastriert werden müssen. Das liegt daran, dass etwa 5 Prozent der kleinen Eber sogenannte Stinker sind. Das heißt: Deren Fleisch riecht sehr, sehr unangenehm. Wobei unangenehm ein Euphemismus ist, sagt Schweinehalter Rudolf Lüdemann aus Niedersachsen. Wenn sie früh kastriert werden, tritt dieser Geruch nicht auf. 

"Wenn das Fleisch von einem Stinker, mit dem typischen Ebergeruch, in die Pfanne kommt, dann geht da keiner mehr dran. Dann schmeißt man die Pfanne direkt mit weg."
Rudolf Lüdemann, Landwirt und Schweinehalter

Die Schlachter, die Eberfleisch verwerten, erhitzen es, um festzustellen, ob es stinkt. Sie verarbeiten stinkendes Fleisch dann in Produkten, in denen es nicht auffällt, in stark gewürzter Wurst zum Beispiel.

Ebermast in kleinen Buchten

Rudolf Lüdemann hat für sich eine gute Methode gefunden, die kleinen Eber nicht kastrieren zu müssen. Er hält sie maximal zu zehnt in kleinen Buchten. Das sind durch Wände abgetrennte Bereiche. Darin quieken die Ferkel und machen Radau - aber sie fühlen sich wohl. "Da haben wir gute Erfahrungen mit gemacht", sagt Landwirt Rolf Lüdemann. 

So friedlich geht es aber nicht in allen Ställen zu. Landwirt Jörn Ehlers hält seine Schweine in Großbuchten, da sind also mehrere Schweine zusammen - ebenfalls unkastriert - und das hat in der Praxis gar nicht funktioniert. Er hat mit der Ebermast wieder aufgehört. 

"Durch das Aufspringen haben sich die Eber gegenseitig Verletzungen zugefügt, da neigen die Eber durchaus auch schon etwas stärker zu."
Jörn Ehlers, Landwirt und Schweinehalter aus Niedersachsen

Bis vor wenigen Wochen - bevor das Kastrationsverbot ohne Betäubung noch einmal um zwei Jahre nach hinten geschoben wurde - sahen sich die Landwirte vor einem Dilemma. Was sollten sie tun, wenn sie die Eber nicht mehr ohne Betäubung kastrieren dürfen? 

Die Lösung, sie in kleinen Buchten zu halten, wie Landwirt Rudolf Lüdemann, ist die eine Alternative - die aber mehr mit Tierliebe als mit Wirtschaftlichkeit zu tun hat, da der Markt für Eberfleisch gesättigt ist.

Weitere Alternativen gibt es zwar, sie scheitern aber entweder an mangelnden rechtlichen Grundlagen oder sind in der Praxis schlicht nicht durchführbar. Schauen wir uns die Alternativen im Einzelnen an. 

Alternativen zu Kastration ohne Betäubung:

  • Impfen

Dadurch bilden die Ferkel keine Geschlechtshormone aus. Und werden keine Stinker. Die Händler sind allerdings skeptisch, ob die Kunden wirklich Fleisch von hormonell veränderten Tieren wollen.  

  • Vor der Kastration betäuben

Auch das hat Rudolf Lüdemann probiert. Er hat den Tieren eine Vollnarkose gegeben, durch die sie 10 bis 15 Minuten schliefen. Das Problem: Die Eber kühlten in der Zeit aus, fanden nach dem Aufwachen die Sauenmilch nicht mehr wieder. Die Folge: Im Anschluss kam es zu Unruhe in der Bucht, erzählt Rudolf Lüdemann. "Da gab es Tote und Verletzte und das hat mit Tierschutz nichts mehr zu tun."

  • Lokale Betäubung vor der Kastration

In Schweden und Dänemark ist diese Methode zugelassen und von Tierschutzorganisationen akzeptiert. Dort betäuben die Bauern ihre Schweine selbst lokal. In Deutschland dürfen Bauern das nicht machen - es muss ein Tierarzt dabei sein. Und hier liegt das Problem. Erstens gibt es nicht genügend Tierärzte und zweitens ist das zu teuer. 

Bauernverband fordert Lösung ähnlich wie in Dänemark

Über diese letzte Lösung wird gerade viel diskutiert. Gerade mit Blick nach Dänemark, wo das recht gut funktioniert. Sowohl der Verband der dänischen Schweineproduzenten als auch Dänemarks größte und älteste Tierschutzorganisation Dyrenes Beskyttelse haben sich mit der Lösung arrangiert, beziehungsweise finden sie gut. Warum also nicht auch in Deutschland? 

Der Deutsche Bauernverband fordert eine ähnliche Handhabung, wie in Dänemark, dass nämlich Landwirte ihre Eber dann selbst betäuben und kastrieren dürfen, wenn sie vorher eine Schulung gemacht haben. In Dänemark dauert diese Schulung einen Tag. Bei dem ganzen Prozedere geht es letztlich neben dem Tierschutz auch darum, auf dem internationalen Markt mithalten zu können, so der Verband. Zu hohe Kosten für dieses Verfahren könnten dazu führen, dass Betriebe dichtmachen müssen. 

Alternativen sind also da - aber es hakt noch an einzelnen Stellschrauben. Und solange keine gute Lösung da ist, werden Ferkel in Deutschland weiterhin ohne Betäubung kastriert. 

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