Welches Bild habt ihr auf eurem Smartphone als Sperrbildschirm? Und warum? Aufs Jahr gerechnet schauen wir achteinhalb Stunden auf dieses Bild. Forscher sagen: Weil es uns in der Regel etwas bedeutet, erzeugt das Gefühle.

Wir tragen es alle permanent mit uns herum: Das Bild, das wir als Sperrbildschirm auf unserem Smartphone haben. Im Schnitt gucken wir täglich 85 Mal auf unser Smartphone. Wenn das jeweils nur eine Sekunde lang dauert, sehen wir uns das Bild im Jahr achteinhalb Stunden lang an.

Deutschlandfunk-Nova-Autorin Rebekka Endler glaubt, dass wir alle bewusst darüber nachgedacht haben, welches Bild das sein soll. Und sie glaubt sogar, dass sie den Menschen auf der Straße sagen kann, was dieser Sperrbildschirm über sie aussagt. 

Natürlich meint sie das nicht ernst. Aber sie versucht es. Augenzwinkernd. 

Typologien der Sperrbildschirm-Bilder

Rebekka Endler würde aber niemals losgehen, ohne bestens vorbereitet zu sein - also liest sie im Netz einen ganzen Tag lang, was da so für Deutungen existieren. Sie findet mehrere "Sperrbildschirm-Typologien".

  • Selfies: ungebunden, eitel und selbstverliebt
  • Partner: gebunden, verliebt 
  • Kinder: Eltern oder Großeltern, etwaige Partner spielen keine große Rolle mehr
  • Haustiere: siehe Kinder (nur Tiere, statt Kinder) 
  • Urlaubsfotos: Alltagsflucht 
  • Vorinstalliertes Bild: keinerlei Persönlichkeit und/oder keinerlei Technik-Skills 

Mit diesem Wissen fühlt sich Rebekka ein bisschen wie eine Street-Smartphone-Profilerin. Und tatsächlich gibt es einige, die ihr ihren Sperrbildschirm zeigen - und auch ganz gespannt sind, was sie ihnen wohl an neuen Erkenntnissen liefern wird.  

Sperrbildschirm-Analyse fällt schwer

Um es vorwegzunehmen: Rebekka scheitert. Bei dem Mann, dem sie unterstellt, dass es ihm wohl zu kitschig sei, das Foto seiner Freundin als Sperrbildschirm zu nutzen, merkt sie nicht mal, dass er schwul ist. Und bei der Frau, bei der Rebekka mit tiefenpsychologischem Scharfsinn davon ausgeht, ein Selfie ihres Freundes aus dem Badezimmer zu erkennen, stellt sich heraus: Es ist das Bild eines Tätowierers. Ein Doppelfail.  

Rebekka besinnt sich und geht zu einem Experten. Moritz Stock ist Medienwissenschaftler an der Universität Siegen und hat die Grenze zwischen der Inszenierung für die Öffentlichkeit und der für das eigene Selbst untersucht - anhand der Bildschirmhintergründe seiner Studenten.

Sperrbildschirmbilder sind etwas Intimes

Moritz Stock weiß längst, was Rebekka bei ihrem Streifzug über die Straße auch gemerkt hat: Sperrbildschirmbilder sind etwas sehr Persönliches, mitunter auch Intimes. Zugleich haben sie aber auch den Aspekt von Öffentlichkeit. 

"Gerade die Hintergründe von Smartphones sind einerseits natürlich intim, gleichzeitig werden sie aber auch in die Öffentlichkeit getragen, weil man sie permanent mit sich trägt."
Moritz Stock, Medienwissenschaftler an der Universität Siegen

Moritz Stock berichtet, dass seine Studenten erst überrascht waren, dass er über die Bedeutung des Sperrbildschirmbildes auf dem Smartphone überhaupt nachdenkt. Schnell stellte sich aber heraus, dass jedes Bild eine Bedeutung hat, dass keines zufällig ausgewählt wurde und dass es immer eine Geschichte dazu gibt, sagt er. Der Sperrbildschirm sei wie ein kleiner Resonanzkörper.

"Jedes Mal, wenn wir uns selbst mit dem ausgewählten Bild konfrontieren, reagieren wir - fühlen uns ein bisschen gut."
Moritz Stock, Medienwissenschaftler an der Universität Siegen

Sperrbildschirm ist Präsentation des eigenen Selbst

Moritz Stock hat noch eine weitere Bedeutungsebene ausgemacht, die der Sperrbildschirm hat: "Es ist auch eigentlich immer eine bestimmte Präsentation des eigenen Selbst - vom eigenen Selbst, wie man sich gerne sieht oder wie man gerne gesehen werden will."

Nachdem sie sich etliche Sperrbildschirmbilder von fremden Menschen auf der Straße angeschaut hat, fühlt sich Rebekka, als hätte sie in Unterwäscheschubladen herumgewühlt. Zwar war sie losgezogen mit dem Ziel, den Menschen psychologische Analysen um die Ohren zu hauen. Letztlich stellt sie aber fest, dass eher sie etwas gelernt hat. Über die Menschen, denen sie begegnet ist. 

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