Bei den bisherigen Spielen der deutschen Handball-Nationalmannschaft in Köln und in Berlin haben auch die Fans ganze Arbeit geleistet: Die Stimmung auf den Rängen war bestens, die Spieler waren beeindruckt. Den deutschen Handballern ist die Unterstützung des Publikums also sicher. Wir sprechen in diesem Zusammenhang immer von Heimvorteil. Aber was genau steckt dahinter? Fazit: Es sind nicht nur die Fans.

Im eigenen Land spielen bei einer WM oder in der eigenen Stadt bei einer Regionalliga – klar, dass die Fans da hinter ihrer Mannschaft stehen. Und es ist doch irgendwie naheliegend, dass die Spieler von dieser Begeisterung und Unterstützung beflügelt werden und dann eine bessere Leistung bringen. Oder? Tatsächlich lässt sich der Heimvorteil messen: im Handball, im Fußball und in vielen anderen Vereinssportarten.

"Wir wissen auch, dass dieser Vorteil auch durch alle Ligen durchgeht und durch alle Altersklassen und Expertise-Levels."
Daniel Memmert, Professor für Sportpsychologie an der Deutschen Sporthochschule Köln

Die Fifa hat das Phänomen Heimvorteil mal untersucht und rund 6.500 internationale Fußballspiele analysiert. Das Ergebnis: In einem Viertel der Spiele hat die Heimmannschaft das Spiel verloren, in einem weiteren Viertel ging es unentschieden aus und in der Hälfte der Spiele hat die Heimmannschaft gewonnen. Auch für die deutsche Bundesliga gilt: Im eigenen Stadion fahren Mannschaften im Schnitt mehr Siege als Niederlagen ein. Es gibt also einen klaren Heimvorteil.

"Es kann eigentlich gar nicht sein, dass die Zuschauer hauptverantwortlich für den Heimvorteil wären."
Bernd Strauss, Professor für Sportpsychologie an der Uni Münster

Das Publikum beeinflusst den Heimvorteil indirekt

Wissenschaftler sehen jedoch keinen großen Zusammenhang mit den Fans. Bernd Strauss, Professor für Sportpsychologe an der Uni Münster sagt, dass die Unterstützung der Fans weniger wichtig ist, als wir uns das vielleicht vorstellen. Strauss und seine Kollegen haben das vor einigen Jahren für die Handball-Bundesliga untersucht. 

Sie haben sich auch angeschaut, wie sehr die Halle ausgelastet war oder auch wie viele Zuschauerinnen und Zuschauer anwesend waren. Diese Faktoren hatten jedoch keinen Einfluss auf das Ergebnis. Andere Studien sind der Frage nachgegangen, was die Rufe der Fans bewirken, also was auf dem Platz passiert, wenn Fans jubeln, pfeifen oder "Buh" rufen. Und an diesem Punkt könnten wir festhalten, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer doch einen kleinen, indirekten Einfluss haben.

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Daniel Memmert, Professor für Sportpsychologie an der Deutschen Sporthochschule Köln, hat in einer Studie festgestellt: Schiedsrichter in der Fußballbundesliga lassen sich durchaus von den Fans beeinflussen: "Letztendlich können wir schon zeigen, dass beispielsweise die Auswärtsmannschaft im Mittel eine halbe Gelbe Karte mehr bekommt als die Heimmannschaft. Und wir können auch zeigen, dass Lautstärke die Schiedsrichter in ihrer Entscheidung beeinflusst."

Die Sportpsychologen haben dazu ein Experiment gemacht. 20 Schiedsrichter sollten sich Videos von Zweikampf-Szenen anschauen und dann entscheiden: Gelbe Karte oder nicht? Die Schiedsrichter haben die Szenen mal ohne Ton und mal mit Ton gesehen, also mit dem Gebrüll der Fans im Hintergrund. Mit dem Lärm der Zuschauer stieg die Wahrscheinlichkeit um zehn Prozent, dass die Schiedsrichter sagen: Ja, das ist eine Gelbe Karte.

Das Phänomen "Heimnachteil"

Trotz der ganzen Forschung im Fußball, im Handball und anderen Sportarten, weiß aber niemand so genau, woher dieser Heimvorteil jetzt kommt. Und es gibt auch noch ein anderes, gegensätzliches Phänomen, das manchmal auftritt: Der Heimnachteil, wenn der Erwartungsdruck zu hoch ist. Bernd Strauss aus Münster sagt: "Das kann zu einem echten Problem werden, dann ist die Kulisse nicht mehr beflügelnd, dann ist das eine Druckkulisse an der Stelle." 

Sportpsychologen nennen das "Choking under Pressure", Ersticken unter dem Druck. Sportlerinnen und Sportler können ihre Leistung nicht abrufen und versagen, weil sie so unter Druck stehen. Die Brasilianer haben das zum Beispiel 2014 erlebt, als sie bei der Fußball-WM im eigenen Land 1:7 gegen Deutschland verloren haben.

"Im Grunde geht es darum, wie verarbeiten die Sportler selber all diese Informationen, die sie bekommen - darauf kommt es am Ende des Tages an."
Bernd Strauss, Professor für Sportpsychologie an der Uni Münster

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