Inwieweit lassen sich die Charts bei Streamingdiensten manipulieren? Ein Hacker behauptet, er könne aus Newcomern Charts-Stürmer machen. Mit Hacks und Klicks. Wenn das stimmt, müsste man annehmen, dass vieles in der Musikbranche Fake und Erfolg oft erkauft ist. Aber es gibt Gründe, daran zu zweifeln.

Dass bei Streamingdiensten oder Youtube Klicks gekauft werden können, ist nichts wahnsinnig Neues. Bisher ist man davon ausgegangen, dass Fake-Profile für die Klicks sorgen.

Ein Hacker, der unerkannt und anonym bleiben will und deshalb einfach Kai genannt wird, behauptet jetzt aber: Die Manipulation könnte eine noch größere Dimension haben. Und sie könnte zudem auf echten Accounts basieren.

Für Geld zum Star werden

Das Youtube-Video wurde vom Y-Kollektiv veröffentlicht, das zum öffentlichen-rechtlichen Sender "Funk" gehört. Darin erzählt Kai, dass es sehr einfach sei, unbekannte Künstler an die Spitze der Charts zu bringen. "Ich kann aus dir einen Star machen", sagt er. Alles was man dazu brauche, ist Geld.

"Es kommen Manager zu mir, die sagen: Wir haben hier gerade einen Künstler. Wir haben hier 50.000 Euro. Was kannst du damit anstellen?"
Kai, Hacker. Er behauptet, die Charts von Streamingdiensten manipulieren zu können.

Kai gibt im Interview an, er habe Zugriff auf Tausende von Nutzerprofilen, hauptsächlich bei Spotify.

Die Manipulation würde - wenn Kais Aussagen stimmen - so funktionieren:

Hacker verschaffen sich Zugang zu Accounts von Usern, wenn diese nicht selbst aktiv sind. Mit diesen Accounts werden dann Songs gestreamt. Und das millionenfach.

Sich selbst verstärkender Effekt

Spotify wollte sich Deutschlandfunk Nova gegenüber diesem Vorwurf nicht äußern, hat aber wohl zuletzt einige Nutzer angeschrieben, dass sie ihr Passwort ändern sollen.

Wenn der Hacker auf diese Weise tatsächlich die Streamzahlen in großem Stil manipulieren kann, wäre das System unterwandert. Denn der Umätze sind abhängig von den Streams - und daran bemisst sich, wie viel die Künstler verdienen.

Wenn Songs hohe Abrufzahlen aufweisen, landen sie auch in anderen viel beachteten Playlists und man klickt schneller mal drauf. Wenn Songs also eine Starthilfe bekommen, spült sie das System zusätzlich hoch.

So einfach ist es dann aber doch nicht

So einfach, wie der Hacker es beschreibt, ist es dann aber wohl doch nicht - zumindest, was die Manipulation der Charts angeht. So gibt es Indizien, an seinen Darstellungen zu zweifeln. Denn bei einem Test blieb die Chartstürmung aus.

Der Reporter vom Y-Kollektiv hatte einen Song produziert, den Hacker Kai pushen wollte. Zwar bekam der Song 200.000 Spotify-Klicks und Youtube-Aufrufe, womit man eigentlich in den Singlecharts landen kann. Aber letzteres hat nicht geklappt. Der Song landete trotz der hohen Abrufzahlen nicht in den Charts.

"Die meisten Zahlen wurde nicht gewertet. Der Song ist nicht in den Charts gelandet."
Ina Plodroch, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Dass der Test-Song die Charts nicht erreicht hat, liegt an der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), die für die Ermittlung der Charts zuständig ist. Sie hat die Abrufzahlen dieses Songs geprüft und ist zum Schluss gekommen: Hier kann etwas nicht stimmen.

Welche Kontrollmechanismen die GfK genau anwendet, will sie nicht verraten. Sie sagt: Wenn sie sie transparent machen würden, wie genau sie prüfen, wüssten Hacker ja, worauf sich achten müssen.

Eine Unsicherheit, wie Abrufzahlen und Charts zustande kommen, bleibt. Dass es so einfach ist, wie von Hacker Kai beschrieben, muss aber bezweifelt werden.