Das Streuobstkollektiv in Bochum kämpft für den Erhalt von Streuobstwiesen. Und zwar so: Das Kollektiv nimmt den Besitzern das Obst zu fairen Konditionen ab und verarbeitet es zu Saft. Unser Reporter Dominik Peters war an einem Samstag Ende September bei einer Apfelannahme-Aktion dabei.

In Deutschland gibt es an die 1500 Apfelsorten. Viele sind in Vergessenheit geraten, weil sie auf Streuobstwiesen wachsen, und alte Streuobstwiesen sind mittlerweile eine Seltenheit geworden. Das Streuobstkollektiv in Bochum setzt sich dafür ein, die noch existierenden Wiesen zu pflegen – und vor allem das Obst zu verwerten. An einem Samstag im Herbst hat das Kollektiv seine Annahmestelle auf einem alten Zechengelände in Sprockhövel, am südlichen Rand des Ruhrgebiets aufgebaut. 

Hochstämmige Bäume sind besonders wertvoll für den Artenschutz

Die ersten 212 Kilo sind gerade in einem großen, blankpolierten Container gelandet, der heute als Apfelsammel-Behälter dient. Noch bedecken die Äpfel gerade eben den Boden, aber in der Schlange warten schon 15 Autos. Alle haben den Kofferraum mit Streuobst beladen. Lina und Benny sind zu Fuß gekommen - mit einer Wäschewanne – voll mit Äpfeln aus dem Garten von Linas Oma. 

Die Kriterien sind hart. Die Äpfel müssen reif sein. Faule Äpfel hingegen sind nicht erwünscht und besonders wichtig: Sie müssen unbehandelt sein. Die Wiese unter dem Apfelbaum natürlich auch. Die Äpfel sollen von hochstämmigen Bäumen kommen, die alt und deswegen für den Artenschutz besonders relevant sind.

"Die Äpfel dürfen natürlich nicht mit Pflanzenschutzmitteln behandelt worden sein, die Wiese darunter natürlich auch nicht."
Patrick vom Streuobstkollektiv Bochum
Stephanie und Patrick vom Streuobstkollektiv
© Deutschlandfunk Nova | Dominik Peters
Stephie und Patrick nehmen Äpfel von Streuobstwiesen an - und lassen das Obst dann zu Saft verarbeiten.

Patrick ist Ende zwanzig, studiert in Bochum Geografie und leitet zusammen mit seiner Freundin Stephanie das Streuobstkollektiv – ein Artenschutzprojekt in Kooperation mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland (BUND). Dabei geht es vor allem darum, den Lebensraum Streuobstwiese zu sichern, der leider jetzt immer weniger wird, gerade in größeren Städten wie Bochum, was auch deswegen problematisch ist, weil Streuobstwiesen der Lebensraum von sehr vielen verschiedenen Arten sind.

"Es geht vor allen Dingen darum, den Lebensraum Streuobstwiese zu sichern, der leider jetzt immer weniger wird, gerade in größeren Städten wie Bochum."
Stephanie vom Streuobstkollektiv Bochum

Laut Bundesamt für Naturschutz ist das Biotop Streuobstwiese "stark gefährdet bis von vollständiger Vernichtung bedroht". Früher gab es in Deutschland 1,5 Millionen Hektar Streuobstwiesen, das entspricht ungefähr die Fläche Schleswig-Holsteins. Heute sind es 80 Prozent weniger, also nur noch 300.000 Hektar, was ungefähr der Größe des Saarlandes entspricht. Viele Wiesen sind mangels Pflege schlichtweg verwildert, andere mussten Wohnsiedlungen weichen. Oder die Bauern haben Monokulturen draus gemacht. Denn Streuobstanbau ist – im Vergleich zu den kleinen, in Reih und Glied stehenden Plantagenbäumen – nicht sehr rentabel. Die verschiedenen Obstbaumarten stehen weit verstreut in der Landschaft. Hier Pflaume, da Birne, da Apfel. 

Mehr als 5.000 Tier- und Pflanzenarten

Apfelbäume und Obstbäume, also vor allem hochstämmige, bei denen die Äste erst auf einer Höhe von 1,80 Meter beginnen, sind insofern besonders wertvoll für die Artenvielfalt, weil sie sehr alt werden, Baumhöhlen ausbilden und diesen urigen Charakter haben, mit Moos auf dem Stamm, wo Insekten und Vögel sich gerne einnisten. Über 5.000 teils bedrohte Tier- und Pflanzenarten sind in Streuobstwiesen heimisch. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) nennt sie die "Hot Spots der Biodiversität". 

Um Anreize zu schaffen, die alten Bäume zu erhalten – und das Obst auch zu verwerten – bietet das Streuobstkollektiv in Bochum zum Beispiel Tauschangebote für die Äpfel: Entweder gibt es Geld – 12 Cent für jedes Kilo, Nistkästen für Vögel und Fledermäuse, junge Obstbäume zum Nachpflanzen oder eben Saft, der aus dem gelieferten Obst gepresst wird. Die meisten Apfel-Lieferanten entscheiden sich für den Streuobst-Saft. Und weil es so viele unterschiedliche Apfelsorten gibt, schmeckt der Saft auch immer ein bisschen anders.

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