Der perfekte Chef sollte vieles sein - zu selbstverliebt aber sicher nicht. Eine neue Studie sagt: Es wäre besser, wenn Führungskräfte zufällig ausgewählt würden. Dann wären sie weniger überheblich.

Warum Führungskräfte - männlich wie weiblich - zu Überheblichkeit und Selbstüberschätzung neigen, hat ein deutsch-schweizerisches Forschungsteam in Experimenten mit freiwilligen Studierenden untersucht. Die Studie wurde im Fachmagazin Leadership Quarterly veröffentlicht.

Dabei kam heraus: Selbstüberschätzung oder Überheblichkeit war bei den Chefs am ausgeprägtesten, die sich in einem Auswahlverfahren, bei dem es nur um die eigene Kompetenz ging, gegen ihre Mitstreiter durchsetzen mussten.

Hohe Gefahr von Machtmissbrauch

Gelangen Führungskräfte nur aufgrund ihrer Durchsetzungsfähigkeit in Auswahlverfahren an ihren Posten, würden sie danach leichter in Versuchung kommen, sich für besser zu halten als sie eigentlich sind, erklären die Forschenden.

"Wenn Chefs es dann irgendwann in ihre Position geschafft haben, dann kommen sie offenbar leichter in Versuchung, sich für toller zu halten als sie eigentlich sind."
Jan Bungartz, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass damit auch die Gefahr des Machtmissbrauches steige. In der Politik würde dies zum Beispiel bedeuten, dass Politiker korrupt werden würden und somit ihrem Staat oder ihren Bürgerinnen und Bürgern schaden.

Auswahltests fördern Überheblichkeit

Für ihre Experimente haben die Wissenschaftler die Studierenden in Kleingruppen aufgeteilt und Chefs auf drei unterschiedliche Arten bestimmen lassen:

  1. Auswahl durch Wissen: Es gab einen Test mit Wissensfragen
  2. Auswahl durch Zufall: Es wurde gelost
  3. Auswahl durch Wissen und Zufall: Es wurde aus den drei besten gelost

Um die Überheblichkeit zu prüfen, sollten die Chefs schätzen, wie viele Aufgaben des Wissenstests sie richtig beantwortet hatten. Die Selbstüberschätzung war bei den Chefs hoch, die durch den Auswahltest und teilweise auch durch das Losverfahren an ihren Posten gekommen waren, erklärt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Jan Bungartz.

Zufall-Chefs weniger egoistisch

Deutlicher wurde das Ergebnis bei einer zweiten Aufgabe: Hierbei sollten die Chefs entscheiden, wie viel mehr Geld ihnen im Vergleich zu ihren Gruppenmitgliedern zustehen würde. Die zufällig oder teilweise zufällig ausgewählten Chefs zeigten sich dabei deutlich weniger egoistisch.

"Deutlicher war das Ergebnis, wenn Chefs entscheiden sollten, wie viel mehr Geld ihnen zusteht im Vergleich zu den Gruppenmitgliedern: Da waren die zufällig und teilweise zufällig ausgewählten Chefs deutlich weniger egoistisch."
Jan Bungartz, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Die Forschenden schließen daraus, dass die Überheblichkeit viel damit zu tun hat, in welcher Art und Weise jemand in seine Führungsposition gekommen ist. Ihre Empfehlung: Auswahlverfahren sollten eine Zufallskomponente enthalten. Und dieses Prinzip sollte den Kandidaten kommuniziert werden.

"Das Auswahlverfahren sollte eine Zufallskomponente enthalten, von der die zukünftigen Chefs auch wissen. Wenn du also mehrere geeignete Kandidaten hast, soll das Los entscheiden, wer den Posten kriegt."
Jan Bungartz, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Diese Art des Auswahlverfahrens ist übrigens keine neue Erfindung. Schon im antiken Athen oder mittelalterlichen Venedig entschied das Los über Führungspositionen. Back to the roots also.