Immer wieder entdecken Forschende kleine Tierchen an ganz anderen Orten als ihrem eigentlichen Herkunftsort, obwohl sie weder fliegen noch schwimmen können - oft ein rein zufälliger Prozess.

Während bei uns zurzeit das Reisen nicht auf der Tagesordnung steht, geht es in der Tierwelt ungehindert weiter. Dabei finden Forschende immer wieder kleine Tierchen, wie Spinnen oder Schnecken, die Strecken über mehrere hundert Kilometer zurückgelegt haben, manchmal sogar über eine Meerenge oder ganze Ozeane hinweg.

Das ist meistens ein ganz zufälliger Prozess, der den Tierarten jedoch die Möglichkeit gibt, ihre genetische Vielfalt zu erweitern und sich breitflächiger zu vermehren, erklärt Deutschlandfunk-Nova-Tierexperte Mario Ludwig.

Bis zu 400 Kilometer weit

Eine Reise von fast 400 Kilometern Entfernung machen zum Beispiel Schnecken und Asseln. Biologen der University of Otago in Neuseeland haben beobachtet, wie immer wieder Schnecken und Asseln auf Algenteppichen von Inseln vor der Antarktis bis zur neuseeländischen Küste vor Kaikoura reisen.

Dank diverser Meeresströmungen können sie sozusagen den ganzen Weg auf den Algen "surfen", erklärt Mario Ludwig. Dabei sind die Tierchen laut den Berechnungen der Forscher zwischen 20 und 40 Tage unterwegs.

"Schnecken und Asseln surfen regelrecht auf den Algenteppichen. Und das erfolgreich über Strecken von fast 400 Kilometern."
Mario Ludwig, Deutschlandfunk-Nova-Tierexperte

Bei den Schnecken und Asseln sind diese Reisen jedoch rein zufälliger Natur, merkt Mario Ludwig an. Im Gegensatz dazu planen Spinnen ihre Reisen bewusst und brauchen dazu nicht mal ein anderes Tier.

Mit dem Spinnennetz fliegen

Für ihre Flugreisen klettern Spinnen zunächst auf eine möglichst hochgelegene Stelle. Dann schießen sie von dort aus mit ihren Spinnwarzen am Hinterleib ein ganzes Bündel von Fäden in die Luft, das sich dann wie ein Fächer aufspreizt. So können die Spinnen mit dem Wind mehrere hundert Kilometer weit fliegen. Diese Technik wird auch als "Ballooning" bezeichnet.

Damit die Fäden nicht wie sonst aneinander kleben sind laut britischen Forschenden "abstoßende, elektrostatische Kräfte" verantwortlich.

Eine Reise im Magen von Vögeln

Für Mario Ludwig bleibt aber die skurrilste Methode die einer Schneckenart auf der kleinen japanischen Insel Hahajima. Die kleinen Tierchen sind gerade mal zwei Millimeter groß und werden gerne von Japanbrillenvögeln gefressen. Dabei stellten japanische Forscher fest, dass 14 Prozent der Schnecken ohne Schäden wieder mit dem Kot der Vögel ausgeschieden werden – und das an einer ganz anderen Stelle.

"Die Forscher konnten beobachten, dass die Vögel 14 Prozent von den 119 Schnecken, die sie gefressen hatten, lebendig und ohne größeren Schaden an einer anderen Stelle wieder mit dem Kot ausgeschieden haben."
Mario Ludwig, Deutschlandfunk-Nova-Tierexperte

Auch die Magensäure konnte den Schnecken nichts antun. Warum, konnten die Forscher allerdings noch nicht sagen.

Genetische Vielfalt wird gefördert

Den Schnecken selbst bringen solche Reisen vor allem etwas in Bezug auf die Verbreitung ihrer Gesamtpopulation und ihrer genetischen Vielfalt, erklärt Mario Ludwig. Denn durch ihre Reise paaren sie sich nicht nur mit ihren direkten Nachbarn, sondern auch mit Tieren von weiter entfernten Orten.

"Dank der Magenreise paaren sich die Schnecken eben nicht nur mit ihren direkten Nachbarn, sondern auch mit weiter entfernten Tieren."
Mario Ludwig, Deutschlandfunk-Nova-Tierexperte

Gerade für Schnecken funktioniere das sehr gut, da sie ihr Erbgut an neuen Orten schon nach wenigen Generationen an die Gegebenheiten angepasst haben. Das hat ein internationales Forschungsteam vor einigen Jahren mit der Hilfe von tausenden, freiwilligen Schneckensuchern in 15 europäischen Ländern herausgefunden.