Menschen wie Adele, Picasso oder Christian Ronaldo wird ein besonders Talent nachgesagt. Gleichzeitig trainieren sie auch viel für ihre besondere Fähigkeit: sei es die Musik, die Malerei oder der Sport. Doch worauf kommt es an: Talent oder Übung? Forschende tendieren zu einer Theorie.

Wenn wir eine Fähigkeit 10.000 Stunden trainieren, dann beherrschen wir diese eine Sache richtig gut. Diese Formel ist seit den 1990er Jahren bekannt und geht auf den schwedischen Psychologen Anders Ericsson zurück.

Dafür hat er damals eine Studie mit Studierenden der ehemaligen Hochschule der Künste in Berlin durchgeführt. Sie alle haben Geige studiert. Anders Ericsson wollte herausfinden, ob es bei einer besonderen Fähigkeit – wie dem sehr guten Spielen einer Geige – vor allem auf die Übung ankommt oder die Begabung dafür schon in unseren Genen liegt.

Bei der Studie hat sich herausgestellt, dass die Musiker*innen bis zu ihrem 20. Lebensjahr durchschnittlich 10.000 Stunden geübt hatten. In späteren Studien kam Anders Ericsson zu ähnlichen Ergebnissen. Für ihn war damit klar: Talent spielt weniger eine Rolle, um etwas besonders gut zu können. Vielmehr komme es darauf an, wie viel und intensiv wir diese Fähigkeit trainieren.

10.000-Stunden-Formel umstritten

Diese Formel ist allerdings stark umstritten. Eine Kritik ist etwa, dass sich das Ergebnis aus der Studie mit den Geige-Studierenden nicht einfach auf andere Fähigkeiten übertragen lasse wie etwa Mathematik. Wirtschaftspsychologin Ingrid Gerstbach ist zum Beispiel der Meinung, dass diese Regel – wenn überhaupt – nur für Musik, Sport oder ein Handwerk anwendbar sei. Andere Wissenschaftler*innen sehen die Formel ähnlich kritisch. Der schwedische Psychologe stand mit seiner Theorie unter Fachkolleg*innen daher eher alleine da.

Es kommt schon auf die Gene an

Eine verbreitete Annahme ist hingegen, dass der Einfluss der Gene auf unsere kognitiven Fähigkeiten insgesamt bei etwa 50 Prozent liegt, erklärt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Johannes Döbbelt. Für besondere Fähigkeiten in der Musik und anderen künstlerischen Bereichen gehen Forschende von einem ähnlich hohen Anteil aus.

Das bedeutet: Eine Hälfte unseres Könnens geben vermutlich die Gene vor. Die andere Hälfte machen Übung oder auch unser Umfeld aus. Es kann etwa einen Unterschied machen, ob Eltern ihre Kinder schon früh in einem Bereich fördern oder nicht.

"Viele Forscherinnen und Forscher können sich heute darauf einigen, dass die angeborene Begabung – unsere Gene – definitiv eine Rolle spielen."
Johannes Döbbelt, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Um diese Annahme zu überprüfen, gibt es mehrere Untersuchungen mit eineiigen Zwillingen. Denn: Sie haben weitgehend die gleichen Gene.

Forschende aus Schweden haben 2014 beispielsweise für eine Studie gut 2500 Zwillingspaare genauer untersucht. Dafür haben die Geschwister zuerst einen standardisierten Musiktest gemacht. Der sollte messen, wie musikalisch sie sind. Es ging zum Beispiel darum, wie gut sie verschieden Töne erkennen konnten. In einem zweiten Schritt sollten die Zwillinge angeben, ob sie ein Instrument spielen und auch wie oft sie dafür üben.

Das Ergebnis: Die Zwillinge hatten oft eine ähnlich hohe Musikalität – auch dann, wenn einer von ihnen jeden Tag fleißig das Instrument geübt und der andere kaum etwas dafür getan hatte. Das lässt darauf schließen, dass die Gene – zumindest für Musikalität – eine wichtige Rolle spielen.

  • Moderatorin:  Jenni Gärtner
  • Gesprächspartner:  Johannes Döbbelt, Deutschlandfunk-Nova-Reporter