Einst waren sie medizinische Fachworte, inzwischen haben Begriffe wie "Trauma" oder "toxisch" Einzug in unsere Alltagssprache gefunden. Die Journalistin Miriam Davoudvandi und der Psychologe Umut Özdemir erklären, warum das nicht immer gut ist.

Triggerwarnung: Dieser Beitrag thematisiert psychische Erkrankungen.

Toxisch, Trauma, Trigger – viele dieser Wörter zu psychischer Gesundheit gehören inzwischen zu unserer Alltagssprache. Dabei verwenden wir die Begriffe auch oft dann, wenn sie nichts mit unserer mentalen Gesundheit an sich zu tun haben, erklärt die Journalistin Miriam Davoudvandi.

"Psycho wird ständig auch als Adjektiv verwendet. Aber auch Wörter wie schizo, trigger, Anxiety, Paranoia, Trauma, traumatisiert, depressiv oder Verniedlichungen wie depri, bipolar."
Journalistin Miriam Davoudvandi über Mental-Heath-Begriffe in der Alltagssprache

Viele Studien haben gezeigt, dass die Art und Weise, wie wir sprechen, auch unser Denken beeinflussen kann. Wenn wir psychische Erkrankungen mehr mit unserem Alltag verbinden, könnte das dazu führen, dass sie ihr Stigma verlieren, sagt der Psychologe Umut Özdemir.

Wenn Nicht-Betroffene Therapiesprache im Alltag verwenden, führe das dazu, dass psychische Probleme eher mitgedacht würden, sagt er. Dennoch sollte uns die klinische Bedeutung hinter den Begriffen klar sein – denn sonst führe die Verwendung wieder zur Stigmatisierung.

Sprache kann Stigma verfestigen

Wenn wir beispielsweise eine eher harmlose schlechte Laune mit einer ernsten psychischen Erkrankung, wie einer Depression, sprachlich gleichsetzen, manifestiere sich ein Stigma erneut, so der Psychologe.

"Wenn wir das leichtfertig verwenden, tun wir so als seien Depressionen etwas, das man mit ein 'ein bisschen joggen gehen' beheben kann."
Psychologe Umut Özdemir über die Verwendung von Mental-Health-Begriffen von Nicht-Betroffenen

"Manchmal sagen Meschen: 'Ich war total depri'", erklärt Umut Özdemir. "Die haben aber gar nicht die Diagnose, sondern benutzen dieses Wort, weil die Laune ein bisschen im Keller war. Und sagen dan, dass es ihnen geholfen hat aufzustehen und eine Runde joggen zu gehen."

Miriam Davoudvandi hat selbst Depressionen. Sie empfindet derartige Verharmlosungen von Nicht-Betroffenen als verletzend. "Sich eine psychische Erkrankung einzugestehen, sie diagnostizieren zu lassen, und das mit anderen Menschen zu teilen, ist eine riesige Überwindung", erklärt sie. "Wenn irgendjemand, den das nicht betrifft, einfach mal so bipolar sagt, als wäre es nichts, dann ist es sehr verletzend."

Dennoch weiß Miriam auch, dass es anderen Betroffenen helfen kann, die Namen ihrer Krankheiten oft zu nutzen. "Einzelne Leute kann das bestimmt bestärken und ihnen im Umgang helfen", sagt sie. "Aber eine zu starke Romantisierung durch die Sprache finde ich schwierig."

Forderung nach sensiblem Umgang mit Begriffen aus der Psychotherapie

Die Journalistin richtet sich deshalb mit dem Appell an alle Nicht-Betroffene, sich klar zu machen, dass all die Begriffe aus der Psychotherapie stammen und mit Krankheiten zu tun haben, die behandelt werden müssen – und das dann auch beim Sprechen berücksichtigen, indem sie sensibler und bewusster formulieren.

Dem stimmt auch Umut Özdemir zu. "Der Begriff Trauma wird beispielsweise richtig inflationär gebraucht", sagt er. "Nein, tut mir leid, nur weil es die Hose nicht in deiner Größe gab, die du unbedingt wolltest, hast du kein Trauma. In der Psychologie ist ein Trauma ein lebensbedrohliches Ereignis."

Lasst euch helfen!

Bestimmte Dinge beschäftigen euch im Moment sehr? Ihr habt das Gefühl, in einer ausweglosen Situation zu stecken? Wenn ihr euch im Familien- und Freundeskreis keine Hilfe suchen könnt oder möchtet, findet ihr hier einige anonyme Beratungs- und Seelsorgeangebote:

  • Telefonseelsorge: Unter 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 erreicht ihr rund um die Uhr Mitarbeiter*innen mit denen ihr über eure Sorgen und Ängste sprechen könnt. Auch ein Gespräch via Chat oder E-Mail ist möglich.
  • Kinder- und Jugendtelefon: Der Verein "Nummer gegen Kummer" kümmert sich vor allem um Kinder und Jugendliche, die in einer schwierigen Situation stecken. Erreichbar montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr unter der Rufnummer 116 111.
  • Muslimisches Seelsorge-Telefon: Die Mitarbeiter*innen von MuTeS sind 24 Stunden unter 030 – 44 35 09 821 zu erreichen. Bei MuTeS arbeiten qualifizierte Muslim*innen ehrenamtlich. Ein Teil von ihnen spricht auch türkisch.
  • Hier findet ihr eine Übersicht von Telefon- und Online-Beratungen in Deutschland: suizidprophylaxe.de.
  • Moderator:  Sebastian Sonntag
  • Gesprächspartnerin:  Miriam Davoudvandi, Journalistin, Podcast-Hostin bei "Danke gut"
  • Gesprächspartner:  Umut Özdemir, Diplom-Psychologe und Psychotherapeut
  • Autor:  Benjamin Weber