Beim TV-Duell lesen wir zwischen den Zeilen: Körpersprache und Mimik von Angela Merkel und Martin Schulz beeinflussen uns – mehr als die Inhalte, für die sie Wahlkampf machen. 

Bundestagswahl 2017

Die Körpersprache von Angela Merkel hat sich seit dem Beginn ihrer Politikerkarriere in den 1990er Jahren positiv entwickelt, urteilt Dirk Eilert. Der Mimik- und Gestenexperte erinnert sich an ein Interview mit ihr in ihrer Funktion als Familienministerin. Dabei spielt sie nervös mit einer Büroklammer. Als CDU-Generalsekretärin 1999 ist sie "gestisch aufgeblüht", sagt Dirk Eilert, sie sei schon viel sicherer gewesen. Im TV-Duell 2005 gegen Schröder hätte sie sogar aufgetrumpft. Danach sei sie wieder ruhiger geworden, sie entwickelte die "Merkel-Raute".

"Merkel transportiert heute hauptsächlich Stabilität und Sicherheit."
Dirk Eilert, Mimikexperte

Martin Schulz ist sehr kraftvoll und ausdrucksstark, sagt Dirk Eilert. "Das hat aus meiner Sicht auch zum Anstieg der Umfragewerte für die SPD geführt", analysiert der Mimikexperte. Sein Problem: Seine Ausdrucksstärke hat er bisher im Wahlkampf noch nicht eingesetzt.

Wichtige Signale der Körpersprache

  • Woran erkennen wir Leidenschaft?

Hände: Sobald jemand über sein Herzensthema spricht, beginnt er mit den Händen zu gestikulieren. Die Mimik wird auch lebendiger. Tipp: Auf Momente achten, in denen die Gestik und Mimik lebendiger werden.

  • Wie erkennen wir Stress?

Beruhigungsgesten: Bei jemanden, der Stress hat, nehmen die Beruhigungsgesten zu wie Kratzen im Gesicht, Lippen lecken, und derjenige wird insgesamt in seinen Bewegungen ruhiger. Schwierigkeit: Politiker trainieren sie sich diese Beruhigungsgesten am Anfang ihrer Karriere ab.

Blinzelrate: Diese Geste ist schwerer kontrollierbar. Normalerweise blinzeln wir 15-mal pro Minute. Bei Stress blinzeln wir schneller. Tipp: Darauf achten, bei welchen Themen Merkel oder Schulz schneller blinzeln.

  • Wie erkennen wir Lügen?

Wenn jemand lügt, steigt die Konzentration, dann nimmt die Blinzelrate ab. Um Lügen zu entlarven, muss man die Mimik genau beobachten, denn die ist direkt mit dem Emotionszentrum im Gehirn verdrahtet, sagt Dirk Eilert: "Mimik ist schneller als der Verstand." 

Tipp: Besonders auf die schnellen, subtilen Bewegungen in der Mimik achten. Mikroexpressionen verraten verlässlich Widersprüche. Sie huschen in Millisekunden über das Gesicht. Beispielsweise kann ein Rümpfen der Nase und Hochziehen der Oberlippe Ablehnung verraten und das einseitige Einpressen des Mundwinkels Geringschätzung.

"Es geht ja darum, dass Martin Schulz sagen möchte: Ich kann die Zukunft Deutschlands gestalten. Das hat er körpersprachlich bisher nicht wirklich genutzt, obwohl das grundsätzlich seine Stärke ist."
Dirk Eilert, Mimikexperte
  • Tipp für Martin Schulz: Er muss nonverbal zeigen, dass er mehr Power als Merkel hat.
  • Tipp für Angela Merkel: Ihre Stärke ist Ruhe und Stabilität. Sie ist in der Machtposition als Amtsinhaberin. Gelingt es ihr im TV-Duell körpersprachlich souverän zu bleiben, wenn Schulz die Kanzlerin attackiert?
  • Tipp für die Zuschauer: Nicht nur auf die Worte achten, sondern auf die Stille, die Sprache der Mimik und Gestik. Bei welchen Themen ist die Körpersprache stimmig mit den Worten? Wo gibt es Widersprüche? Dabei geht es um die Summe der nonverbalen Zeichen. Und: insbesondere auf die Momente achten, in denen die Körpersprache von der üblichen Gestik abweicht.

Körpersprache beeinflusst unsere Entscheidung

Das erste TV-Duell lieferten sich John F. Kennedy und Richard Nixon 1960. Bemerkenswert: Das Duell wurde auch übers Radio übertragen. Bei den Hörern war Nixon am Ende der Gewinner, für die Zuschauer war es Kennedy. "Kennedy hat damals sehr frisch, körpersprachlich absolut sicher gewirkt, ruhiger Stand, sichere Gesten, flüssiger Sprechstil. Nixon im Vergleich hat viele Stresssignale gezeigt wie Lippen lecken, schwitzen – und das nicht weil er Stress im Duell hatte, sondern weil er gerade aus dem Krankenhaus entlassen wurde", erklärt Mimik-Experte Dirk Eilert.

Nach der Wahl hat Kennedy selbst festgestellt, dass das Fernsehen ihm zum Sieg verholfen hat. Danach, erklärt Dirk Eilert, hat sich 16 Jahre lang kein Präsident mehr getraut, ein TV-Duell zu machen. Erst 1976 haben Gerald Ford und Jimmy Carter sich wieder vor die Kamera getraut. 

In Studien wurde festgestellt, dass wenn wir nur hören, für uns die Inhalte entscheidender sind. Sehen wir die Kandidaten, versuchen wir einzuschätzen, wie kompetent und glaubwürdig sie sind. So beurteilen wir beispielsweise non-verbale Signale in Stresssituationen als inkompetent wie Lippen lecken, schnelles Blinzeln, ständig wechselnde Blickrichtung. Ob allerdings der Stress etwas mit den Themen zu tun hat, über die gerade gesprochen wird oder nicht, spielt dabei keine Rolle.