Drogenkartelle in Mexiko nutzen Überwachungskameras, Drohnen und Spionagesoftware, um gegnerische Kartelle, Drogenkuriere und Sicherheitskräfte der Regierung zu überwachen. In der mexikanischen Stadt Reynosa wurden bereits 62 illegale Kameras aufgespürt und deinstalliert.

Der Bundesstaat Tamaulipas im Nordosten Mexikos ist eines der wichtigsten Zentren für organisiertes Verbrechen des Landes, sagt unsere Korrespondentin Anne Demmer. Städte wie Reynosa, die an der texanischen Grenze liegt, haben eine große Bedeutung für die Kartelle, die ihre Ware in die USA schmuggeln wollen. Zwei der großen Drogenkartelle, die in Reynosa mit allen Mitteln um die Vorherrschaft kämpfen, sind das Cartel del Golfo und Los Zetas.

Drogenkartelle beschäftigen eigene IT-Teams

Sie sind technisch sehr gut ausgerüstet, um ihre Gegner, ihre Drogenkuriere und US-amerikanische und mexikanische Sicherheitskräfte auszuspähen, berichtet Anne. Neben Drohnen und Spionagesoftware setzen sie vor allem Überwachungskameras ein.

Die Überwachungskameras werden illegal in Ampeln, Stromkästen und Laternen installiert. Die mexikanischen Behörden haben 62 solcher Kameras entdeckt und diese wieder abgebaut. Neben der technischen Späheinrichtungen gibt es auch ein großes Netzwerk an Informanten, die für die Drogenkartelle die Umgebung ausspionieren und eher mit einfacherer Ausstattung wie Walkie-Talkies und Smartphones ausgerüstet sind.

"Sie sind auch auf ein Informanten-Netzwerk angewiesen, die sogenannten Halcones [Anm.: auf deutsch Falken]. Manchmal ist das sogar effektiver. Aber am Ende ist es eine Kombination aus beidem – Informanten und Technologie. Das macht die Kartelle so mächtig und effizient in ihrer Arbeit."
Guillermo Valdes, ehemaliger Chef des mexikanischen Bundeskriminalamts

Mexiko ist nicht nur ein Land, das Drogen herstellt, sondern auch Transitland für Drogen aus Südamerika in die USA. Dabei geht es für die Kartelle um viel Geld.

In der Vergangenheit haben die Kartelle Kommunikationsexperten zum Beispiel von Telekommunikationsfirmen entführt und sie dazu gezwungen, Spionage-Hardware und Software zu bedienen, erzählt unsere Korrespondentin. Inzwischen beschäftigen die Drogenbosse oft auch eigene IT-Teams, für die sie Mitarbeiter oder Verwandte rekrutieren. Sie investieren auch in die Ausbildung dieser Mitarbeiter, indem sie ihnen beispielsweise ein Studium an einer Elite-Uni finanzieren, berichtet Anne.

El Chapo wurde ein Telefonat zum Verhängnis

Auch der berüchtigte Drogenboss El Chapo hat Millionen für Drohnenabwehrsysteme, Informanten und Bestechung von Militär, Polizei und Politiker investiert. Doch seine Gefühle für die mexikanische Schauspielerin Kate del Castillo ließen ihn sehr unvorsichtig werden und führten letztendlich zu seiner Festnahme, sagt unsere Korrespondentin.

"Er hat quasi mit allen Sicherheitsregeln gebrochen: Er hat mit Kate del Castillo telefoniert. Er war wahrscheinlich in sie verliebt. Er hat der Schauspielerin sogar ein Handy gegeben, auf das seine eigenen Leute keinen Zugriff hatten, damit nur er mit ihr ganz privat sprechen konnte."
Guillermo Valdes, ehemaliger Chef des mexikanischen Bundeskriminalamts

Nach der Wahl des neuen Präsidenten erreicht die Mordrate einen Rekordwert

Seitdem im Dezember 2018 der neue, linksliberale Präsident Andrés Manuel López Obrador seinen Posten angetreten hat, hofft die mexikanische Bevölkerung darauf, dass effektivere Maßnahmen gegen die Drogenkartelle eingesetzt werden.

Bisher hat sich die Lage aber eher verschlechtert als verbessert, erzählt Anne Demmer: Die Mordrate ist auf einen Rekordwert von 14.600 Toten und die Zahl der Opfer in Mexiko-Stadt um 46 Prozent angestiegen. Außerdem gelten rund 40.000 Menschen als vermisst, und Straftaten werden kaum geahndet.

"Solange es die Drogennachfrage in den USA gibt, wird das Problem auch nie gelöst. Wo wird das Drogengeld gewaschen? Auf welchen Banken liegt es? Das heißt, es gibt auf hoher Ebene große Interesse – gewiss auch bei US-Banken."
Anne Demmer, Korrespondentin in Mexiko-Stadt

Bei der großen Zahl der Toten ist es laut Anne Demmer durchaus gerechtfertigt, von einem Drogenkrieg zu sprechen. Es ist zudem sehr schwierig, gegen die aktuelle Situation vorzugehen, weil die Mitarbeit in einem Drogenkartell einen lukrativen Job darstellt. Vor allem die Perspektivlosigkeit in ärmeren Gegenden, so Anne, mache es leicht für das organisierte Verbrechen, Nachwuchs zu rekrutieren. Wer einmal für einen Drogenring arbeitet, hat kaum Chancen, wieder davon wegzukommen.

Verbesserung der Lage unwahrscheinlich

Zudem versorgen mexikanische Kartelle den Drogenmarkt fast vollständig. Und solange die Nachfrage nach Drogen aus den USA weiterhin bestehen bleibt, lässt sich das Problem kaum lösen, sagt Anne Demmer. Verschiedene einflussreiche Gruppen verdienen an der Situation in Mexiko – beispielsweise Waffenschmuggler aus den USA, die die Kartelle mit Waffen beliefern.

Die mexikanische Regierung hat die USA aufgefordert, gegen den Waffenschmuggel vorzugehen. Allerdings ist auch hier die Korruption ein Problem, sagt unsere Korrespondentin, weil US-amerikanische Sicherheitskräfte bestochen werden, um illegale Waffenlieferungen über die Grenze zu lassen. Und auch die US-Banken, bei denen Drogengeld landet, haben sicherlich ein Interesse daran, dass der Drogenschmuggel in Mexiko weiter betrieben wird, vermutet Anne Demmer.