Erst die Corona-Krise, jetzt auch noch die Flutkatastrophe oder der Weltklimabericht – die schlechten Nachrichten überschlagen sich derzeit. Bei vielen löst das Angst und Verunsicherung aus – auch, weil reelle Bedrohungen für uns bisher eine Seltenheit waren.

In der Geschichte der Menschheit mussten Gesellschaften immer wieder die Erfahrung machen, dass Antworten auf selbstgeschaffene Probleme gar nicht so leicht zu finden waren. Manche Szenarien wie beispielsweise die Atomkrise in den 60er-Jahren habe ganze Gesellschaften ratlos gemacht, erklärt die Philosophin Rita Molzberger von der Universität Köln. Bedrohungen und Angst – das ist also eigentlich nichts Neues für uns Menschen.

"Bedrohungsszenarien haben in der Geschichte ganze Gesellschaften zeitweise ratlos gemacht."
Rita Molzberger, Philosophin

Die Suche nach dem Schuldigen

Aber warum treffen uns dann derzeit die Berichte über Flutkatastrophen, Waldbrände oder die immer noch allgegenwärtige Corona-Krise so stark? Weil die jetzige Verunsicherung, die wir spüren, nicht nur existenziell sei, wie sie beispielsweise bei der Atomkrise war, sondern auch sehr konkret und radikal, so Rita Molzberger.

Denn anders als bei der Atomkrise gibt es nicht ein oder zwei Schuldige, die für den roten Knopf verantwortlich sind, sondern wir alle haben die Klimakrise und ihre Folgen verschuldet, sagt Rita Molzberger. Das bedeutet auch, dass wir unsere eigenen Gegnerinnen und Gegner seien, die wir bekämpfen müssten. Und das mache es gerade so besonders schwer.

"Wir müssen uns bei der Klimakrise eingestehen: Es gibt keinen identifizierbaren anderen, der schuld ist. Wir haben das alle verschuldet."
Rita Molzberger, Philosophin

Die Erkenntnis, doch nicht alles im Griff zu haben

Dazu kommt auch, dass Angst sich immer existenziell anfühle, weil sie uns eben ganz konkret in unserer Existenz bedrohe. Lange Zeit hätten wir uns eingebildet, dass wir alles im Griff haben. Gerade in der Corona-Krise wurde uns aber bewusst: Wir haben nicht alles im Griff und damit müssten wir uns nun beschäftigen, sagt Rita Molzberger.

"Wir haben uns lange eingebildet, wir hätten alles im Griff. Das ist nicht der Fall und damit müssen wir uns jetzt beschäftigen."
Rita Molzberger, Philosophin

Für Rita Molzberger fällt deshalb auch das Fazit, was wir aus der Coronakrise gelernt hätten, erst mal etwas zynisch aus: "Wir haben gelernt, wieder ängstlich zu sein und mit unbestimmten Bedrohungen umzugehen." Dass unsere Handlungskraft so eingeschränkt ist, sei etwas, das uns kränke und unsicher mache. Auf der anderen Seite könnte es uns aber auch dabei helfen, Lösungen zu finden.

Außerdem hätten wir gemerkt, dass die Coronakrise wie auch die Klimakrise nicht auf nationaler Ebene zu lösen sei, sondern globale Lösungsansätze hermüssten, davon ist Rita Molzberger überzeugt.

Raus aus der Bubble

Warum es uns derzeit alles so sehr trifft, liegt auch daran, dass wir in Deutschland bisher die meisten Krisen nur aus den Medien gekannt haben und nicht am eigenen Leib erfahren haben. "Wir sind immer noch recht ungeübt im Umgang mit der Angst vor Bedrohung, obwohl sie nie weg war", sagt Rita Molzberger. Nur sei die Bedrohung in anderen Ländern deutlich konkreter erfahrbar gewesen als bei uns – zumindest bist jetzt.

Probleme müssen in der öffentlichen Diskussion landen

Dass Diskussionen über mehr Umweltschutz oder der Frage nach einer Impfung immer häufiger öffentlich geführt werden, findet Rita Molzberger sehr wichtig. Auch wenn dadurch möglicherweise Freundschaften oder persönliche Beziehungen brechen könnten.

Denn nur so würden Themen auch in der Politik und bei den Entscheidern landen. Sich dagegen gleichgültig gegenüber der Zukunft zu zeigen, sei immer die schlechteste Lösung von allen.

"Gleichgültigkeit gegenüber der Zukunft ist für menschliches Leben immer eine schlechte Haltung."
Rita Molzberger, Philosophin