Hunde und Katzen haben einen Charakter. Das würden alle Herrchen und Frauchen sofort unterschreiben. Doch auch Blattkäfer bilden individuelle Persönlichkeiten aus - manche sind mutiger als andere. Der Verhaltensbiologie Norbert Sachser erklärt, wie die Wissenschaft das herausgefunden hat und weshalb Tiere intelligenter sind, als viele annehmen.

Tiere haben mehr menschliche Eigenschaften, als viele denken. Die Verhaltensbiologie hat dies in den vergangenen Jahren intensiv erforscht und dabei enorme Fortschritte gemacht. "Tiere haben kognitive Leistungen, die viel weiter entwickelt sind, als wir uns vor wenigen Jahren noch vorstellen konnten. Die Intelligenz ist wesentlich weiter ausgeprägt", sagt Norbert Sachser. Der Zoologe leitet das Zentrum für Verhaltensbiologie an der Universität Münster. Er hat das Buch "Der Mensch im Tier" veröffentlicht.

"Aus wissenschaftlicher Sicht können wir sagen, dass sehr viel mehr Mensch im Tier steckt, als wir uns noch vor wenigen Jahren vorstellen konnten."
Norbert Sachser, Zoologe

Ein Beispiel, das Norbert Sachser nennt: Spiegelversuche. Setze man ein einjähriges Kind vor einen Spiegel, habe es keine Ahnung, wen es da sieht. Es wisse nicht, dass es das selbst ist. Elefanten, Delfine, aber auch Elstern würden sich dagegen selbst erkennen. "Das ist ein Indiz dafür, dass diese Tiere zumindest Ansätze eines Ich-Bewusstseins haben", sagt der Biologe.

Ein Affe schaut sich im Spiegel an
© pexels
Viele Tiere erkennen sich im Spiegel selbst - einjährige Kinder nicht.

Dass Tiere denken können, lasse sich sogar noch viel leichter zeigen. Wenn Forscher einem Orang-Utan ein Reagenzglas mit einer Erdnuss zeigen, dann möchte der Menschenaffe die Nuss gerne haben. Mit seinen Fingern kommt er jedoch nicht an das Futter heran. Dann schaut sich der Orang-Utan im Raum um.

Weibliche Tiere sind weniger passiv als angenommen

Wenn irgendwo Wasser ist, dann nimmt er einen Schluck, geht zum Reagenzglas und spuckt das Wasser ins Reagenzglas, bis er mit dem Finger an die Erdnuss kommt. "Er sieht die Situation, denkt nach, findet eine Lösung dafür und führt dann die richtige Handlung aus", erklärt Norbert Sachser.

"Dass Tiere denken können, steht seit vielen Jahren außer Frage."
Norbert Sachser, Autor des Buchs "Der Mensch im Tier"

Lange hat die Biologie Weibchen grundsätzlich als passiv und schwach dargestellt. Es galt das Bild, dass Männchen miteinander kämpfen und der Stärkste das Weibchen bekommt. Auch dieses einseitige Bild ist mittlerweile überholt. "Weibchen sind durchaus wählerisch. Sie sind aktiv daran beteiligt, Paarungspartner auszuwählen."

Norbert Sachser hat das an Wieselmeerschweinchen untersucht. Ist ein Weibchen paarungsbereit, macht es alle Männchen auf sich aufmerksam. Die laufen hinter ihr her, bis sie anhält. Dann paart sie sich mit demjenigen Männchen, das direkt hinter ihr ist. Dann läuft sie weiter, stoppt wieder, paart sich wieder mit dem Männchen hinter ihr. "Das Weibchen hört nicht eher auf mit diesem auf den ersten Blick etwas skurril wirkenden Verhalten, bis sich alle Männchen mit diesem Weibchen gepaart haben", erklärt Norbert Sachser.

Tiere haben menschliche Eigenschaften - und bleiben doch Tiere

In den Würfen ist dann nicht nur ein Männchen der Vater, sondern vier Nachkommen können vier Väter haben. Seine Untersuchungen haben ergeben,  dass die Nachkommen so deutlich fitter sind, erklärt Norbert Sachser. Der Grund dafür: Spermienkonkurrenz. "Die Weibchen bekommen bessere Spermien von besseren Männchen, was dazu führt, dass sie einen höheren Fortpflanzungserfolg haben."

Der Verhaltensbiologe Norbert Sachser
© Willi Weber
Viele Tiere erkennen sich im Spiegel selbst - einjährige Kinder nicht.

Der Kluge Hans kann doch nicht rechnen

Oft wird das Verhalten von Tieren jedoch auch fehlgedeutet, insbesondere von Tierhaltern. Norbert Sachser nennt ein besonders bekanntes Beispiel aus dem vergangenen Jahrhundert: Der Mathelehrer Wilhelm von Osten war überzeugt, dass sein Pferd rechnen kann.

Der Kluge Hans, wie das Pferd deshalb hieß, scharrte die richtige Lösung mit seinen Hufen auf den Boden. "Rechnen konnte das Pferd nicht", erklärt der Biologie. "Was das Tier jedoch hin bekam: Es konnte feinste Körperanspannungen wahrnehmen." Wenn der Kluge Hans bis Vier scharren musste, zählte Wilhelm von Osten mit, und wenn die Lösung erreicht wurde, änderte der Lehrer seine Körperspannung. Das hat das Pferd gemerkt - eine erstaunliche Leistung, die aber mit Rechnen nichts zu tun hat.

Wir neigen dazu, Tiere zu beobachten und dann zu vermenschlichen. "Damit werden wir den Tieren nicht gerecht", sagt Norbert Sachser. In manchen Dingen seien sie uns dennoch sehr ähnlich. So bilden sie einen eigenen Charakter aus. Das wissen alle, die einen Hund haben, doch auch Kohlmeisen oder Blattkäfer haben eine eigene Persönlichkeit.

"Tiere sind keine Miniaturausgaben des Menschen."
Norbert Sachser

Wenn man zehn Blattkäfer beobachtet und testet, wie mutig sie sind, erhält man eine Reihenfolge. Es gibt mutigere und ängstlichere Tiere. Wenn man dieselben Tiere einige Wochen später wieder beobachtet, erhält man dasselbe Ergebnis. "Offenbar gilt für das gesamte Tierreich, dass Tiere individuelle Charaktere ausbilden, die stabil über die Zeit sind", erklärt Norbert Sachser.

Ein paar Unterschiede bleiben

Wer das Wesen seines Haustiers verstehen will, müsse sich auf das Tier einlassen. Und bereit sein, sie als anders anzuerkennen, sagt der Biologe. Denn trotz vieler Gemeinsamkeiten bleiben einige Unterschiede zwischen Mensch und Tier:

  • Sprache: Tiere können auf sehr hohem Niveau miteinander kommunizieren, doch eine Sprache wie bei Menschen ist bei Tieren nicht vorhanden. "Tiere können sich nicht über Vergangenes, Gegenwärtiges oder Zukünftiges austauschen", sagt Norbert Sachser.
  • Selbstreflexion: Tiere sind intelligenter als noch vor wenigen Jahren gedacht. "Wir haben jedoch keine Hinweise darauf, dass Tiere ausgiebig über sich selbst oder die Welt nachdenken." 
  • Zeitdimension: Tiere können sich extrem gut erinnern. "Auch die intelligentesten Tiere können aber nur für einige wenige Tage bewusst in die Zukunft planen."
  • Erziehung: Schimpansen-Mütter können ihren Kindern zeigen, wie sie Hammer und Amboss nutzen können, um Palmnüsse zu knacken. "Eine Erziehung auf bewusste Erziehungsziele hin gibt es jedoch nicht, zum Beispiele eine Erziehung zum Frieden." 
  • Kulturelle Evolution: Tiere haben eine Kultur, die sich auch ausbreitet - zum Beispiel das Nüsseknacken mit Werkzeugen. Was Tiere jedoch nicht zeigen, ist das, was man kumulative kulturelle Evolution nennt: "Das heißt, man macht einmal eine Erfindung und baut dann die nächste Erfindung darauf auf, sodass es zu einem kulturellen Fortschritt kommt", sagt Norbert Sachser.

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