Wie werden drei Parteien zu einer Koalition? Mit möglichst wenig Zeitdruck und Konzentration auf die Gemeinsamkeiten, sagt ein Verhandlungsberater.

Rund 300 Politikerinnen und Politiker verhandeln gerade über eine Regierungskoalition. Erstmals kommen die 22 Facharbeitsgruppen von SPD, Grünen und FDP in vollständiger Besetzung zusammen. Am Ende soll ein Vertrag stehen. Grundsätzliche Differenzen dürfte es beispielsweise in Steuerfragen geben.

Bei Verhandlungen hilft es grundsätzlich Best-Case- und Worst-Case-Szenarien vor Augen zu haben, sagt Maximilian Ortmann. Er ist Verhandlungsberater und –trainer an der Negotiation Academy Potsdam, die zur Universität Potsdam gehört.

"Wenn man keine Alternativen hat, ist man gut beraten, kooperativ aufzutreten und diese oft zitierten roten Linien eben nicht zu ziehen."

Die Ampelkoalition sei de facto alternativlos, meint er. Deswegen rät Maximilian Ortmann den einzelnen Parteien davon ab, vor Verhandlungsbeginn rote Linien zu ziehen. Es gehe eher darum, die Gemeinsamkeiten nach vorne zu stellen, nicht die Differenzen.

Miteinander als Botschaft

Das hätten die drei Parteien auch getan: "Sie haben von Anfang an klargemacht: Miteinander ist das neue Gegeneinander." Symbolisch dafür steht das Selfie von den nächtlichen Vorverhandlungen zwischen FDP und Grünen.

"Die Zielstellung ist in diesen 22 Arbeitsgruppen nicht die Knackpunkte sondern eher die Gemeinsamkeiten in den Vordergrund zu stellen."

Dennoch sind die Verhandlungen zur Ampelkoalition nicht leicht - Maximilian Ortmann nennt sie einen "Husarenritt". Denn die Verhandelnden müssen dabei jeweils zwei Ziele im Auge haben: Einerseits die Bildung einer Regierungskoalition, andererseits geht es aber auch darum, die eigene Partei und die Wählenden zufrieden zu stellen.

"Sie haben eigentlich zwei Ziel-Fronten: Einmal die Koalitionsbildung, aber auch die Wählerinnen und Wähler und natürlich die Parteibasis zu befriedigen."

Als Beispiel für eine geschickte Verhandlungsstrategie nennt er den Umgang der Grünen mit dem Tempolimit. Die Verhandlungsführenden der Partei haben während der Sondierungsverhandlungen auf ein generelles Tempolimit verzichtet.

In dem Sondierungspapier steht: "Ein generelles Tempolimit wird es nicht geben." Vermutlich hat die Parteispitze so Zugeständnisse der anderen Parteien im Bereich des Klimaschutzes erreicht.

Marathonsitzungen sind ein Symbol

Maximilian Ortmann begrüßt, dass die drei Parteien versuchen wollen, strukturiert zu einem Ergebnis zu kommen. Marathonsitzungen soll es nicht geben. Er vermutet aber, dass es ganz ohne solche Symbole dann doch nicht gehen wird. Der Verhandlungsberater rechnet fest mit der einen oder anderen nächtlichen Runde.

"Ich denke, es wird am Ende doch noch die eine oder andere Nachtsitzung geben. Das gehört ein bisschen zur Show dazu."