Besucher des Nationalparks im Harz sagen: "Hier sieht es aus wie bei Hempels unterm Sofa." Überall liegen tote Fichten. Aber Ornithologen finden genau das super. In dem "Chaos" entwickelt sich eine neue Artenvielfalt.

Wie in vielen Wäldern in Deutschland hat Sturm Friederike auch im Nationalpark Harz Anfang des Jahres 2018 gewütet. Danach kam der heiße Sommer und die Dürre. Beides Faktoren, die es dem Borkenkäfer leicht gemacht haben, richtig zuzuschlagen, denn die Fichten waren dadurch nicht mehr so widerstandsfähig. Ornithologin Caren Pertl sagt: "Wenn die Bäume durch die Trockenheit gestresst sind, können sie sich nicht mehr wehren." 

"Normalerweise, wenn so ein Käfer eine hundert Jahre alte Fichte anbohrt, bohrt der da rein und wird eingeharzt und die Sache hat sich erledigt."
Caren Pertl, Ornithologin im Nationalpark im Harz

Weil der Borkenkäfer im Nationalpark so leichtes Spiel hatte, sieht es derzeit dort ziemlich chaotisch aus – zumindest aus der Sicht mancher Besucher. Die kritisieren den Zustand des Nationalparks vermehrt, sagt Friedhart Knolle, der Sprecher des Nationalparks. Kommentare kämen täglich und die seien oft auch sehr harsch. 

"Der Begriff 'gewöhnungsbedürftiger Wald' ist noch höflich formuliert. Oder 'Hempels unterm Sofa' – da gibt es aber noch viel schlimmere Kommentare."
Friedhart Knolle, Sprecher des Nationalparks Harz

Friedhart Knolle und Caren Pertl sehen hinter den überall herumliegenden entwurzelten und umgeknickten Stämmen und hinter den zersplitterten Baumstümpfen aber eine Entwicklung, die den meisten Besuchern des Waldes wohl verborgen bleibt. In den Gehölzern, die sie bewusst liegen lassen, entwickeln sich neue Arten. 

Artenvielfalt statt Monokultur

Durch die absterbenden Fichten entstehen offene, lichte Waldstrukturen, die wiederum neue Vogelarten anlocken, die bisher in den dichten Monokulturen nicht zu finden waren – zum Beispiel Baumpieper, Gimpel, Wendehals, oder Tanenhäher. Die Ornithologen haben die Artenvielfalt der Jahre 2008 und 2018 miteinander vergleichen und festgestellt, dass es deutlich mehr Waldbewohner geworden sind.

"2008 war die Fläche noch grün. Es gab nur kleine Käferlöcher. Damals waren es 20 Arten. Heute – 2018 – sind es 33 Arten."
Caren Pertl, Ornithologin im Nationalpark im Harz

Zu den neuen Arten in der Region zählen auch Raufuß- und Sperlingskauz. Beide profitieren davon, dass der Buntspecht schon damit anfängt, in dem Totholz Höhlen anzulegen. Manche seien komplett ausgebaut, andere nur angehackt, sagt Caren Pertl. Das sei aber erst der Anfang. In zwei bis drei Jahren sei der noch jung abgestorbene Bereich besser zu bebauen, sagt sie. Und dann kämen auch mehr Spechte hier hin. 

Das langfristiges Ziel ist die "ursprüngliche Waldwildnis"

Die Ornithologin plädiert dafür, nicht in den Wald einzugreifen, sondern ihm seinen natürlichen Lauf und Raum zur Entwicklung zu lassen. Das Ziel sei eine naturnahe, ursprüngliche Waldwildnis. Bis Besucher des Waldes diese ursprüngliche Waldwildnis sehen, wird es aber noch eine Weile dauern, sagt Caren Pertl. 

"Mein Chef hat immer gesagt, wir müssen in 200 bis 300 Jahren noch mal gucken kommen."
Caren Pertl, Ornithologin im Nationalpark im Harz

Caren Pertl weiß also, dass sie den Nationalpark im Harz als ursprünglichen Wald nicht mehr selbst sehen wird – wie wir alle. Aber sie betont: Es lohnt sich darauf zu warten.

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