Festpreise, Barzahlung, Warenumtausch: Vor 140 Jahren war das eine neue, außergewöhnliche Geschäftsidee. Der 30-jährige Leonhard Tietz legt 1879 mit seinem Textilladen in Stralsund den Grundstein für das Warenhausunternehmen Kaufhof.

Als Mitte August 1879 der Kaufmann Leonhard Tietz die Tür seines kleinen Textilgeschäfts öffnet, um die ersten Kunden zu begrüßen, ahnt er nicht, dass am Ende ein kleines Warenhaus-Imperium entstehen wird, das Filialen in ganz Deutschland hat.

Am Ende des 19. Jahrhunderts, als immer mehr Menschen in die schnell wachsenden Städte ziehen, sind Geschäfte, die alles unter einem Dach anbieten, Sinnbild der Moderne.

Große Kaufhäuser in den Metropolen

In Paris und London sind zuvor schon große Warenhäuser wie Printemps oder Harrods entstanden, bald folgen neben der Tietz AG 1881 die Kaufhäuser von Rudolph Karstadt und 1907 das von Adolf Jandorf gegründete Kaufhaus des Westens in Berlin.

Eine Aktie der Leonhard Tietz AG und der Stoffladen von Leonhard Tietz in Stralsund.
Festpreise, Barzahlung, Warenumtausch: Vor 140 Jahren war das eine neue, außergewöhnliche Geschäftsidee. Der 30-jährige Leonhard Tietz legt mit seinem Textilladen den Grundstein für das Warenhausunternehmen Kaufhof. Die Praxis des Feilschens und Ankreidens ersetzte er durch Festpreise und Barzahlung.
"Die Kaufhäuser hatten ja alle ein Problem, die waren ja durch die Weltwirtschaftskrise schwer getroffen. Und diese Situation haben dann verschiedene Kreise ausgenutzt. Das waren vor allem die Gläubiger-Banken, bei denen die Familie Tietz um Kredite nachgesucht hat."
Constantin Goschler, Historiker

Viele Warenhäuser und Einzelhandelsgeschäfte befinden sich im Besitz jüdischer Familien, die unmittelbar nach Beginn der NS-Herrschaft "arisiert" werden. Dabei übernehmen "arische" Geschäftsleute die Läden, zahlen einen meist zu niedrigen Preis und verdrängen so die Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben.

Banken verleiben sich Warenhäuser jüdischer Geschäftsleute ein

1938 sind nur noch 40 Prozent der Geschäfte in Händen ihrer rechtmäßigen Besitzer. Angeschlagen durch die Weltwirtschaftskrise und im Zuge der sogenannten Arisierung erhält Leonhard Tietz keine Kredite mehr von den Banken und sieht sich dazu gezwungen Anteile an seinem Kaufhaus unter Wert an Gläubiger-Banken abzugeben.

Im Zuge der "Arisierung" wurde aus der Tietz AG die Westdeutsche Kaufhof AG. Heute heißt das Unternehmen nach vielen Besitzerwechseln Galeria Kaufhof GmbH.

In Eine Stunde History hört ihr:

  • Nils Busch-Petersen, ein Biograph von Leonhard Tietz, beschreibt den Gründer der Warenhauskette
  • Der Historiker Constantin Goschler beschreibt den Prozess der "Arisierungen", der unmittelbar nach der Übertragung der Macht an die NSDAP im Januar 1933 begonnen hat
  • Die Trendforscherin Theresa Schleicher hat über die Zukunft des Kaufens eine Studie erarbeitet und dabei einen Blick in die Zukunft der Warenhäuser gewagt
  • Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte Matthias von Hellfeld schildert die Anfänge der Warenhäuser und Malls in Europa im 19. Jahrhundert
  • Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Christine Werner blickt zurück auf die wechselvolle Geschichte der Leonhard Tietz AG