Gas und Strom wird immer teurer. Einige von uns duschen deshalb nun kürzer oder verzichten auf ein heißes Bad. Aber: Können wir so einfach verzichten – und was passiert in unserem Gehirn, wenn wir das tun?

Bei einigen von uns stellt sich inzwischen ein schlechtes Gewissen ein, wenn wir länger als drei Minuten duschen oder die Gastherme beim Abspülen anspringt, weil das Wasser noch mal heißer gemacht werden muss. Das liegt daran, dass Politikerinnen und Politiker seit Wochen zum Sparen aufrufen – schließlich soll das Gas den Winter über reichen.

Doch auch bei uns selbst macht sich sparen bei den explodierenden Preisen bemerkbar. Neurowissenschaftler Henning Beck erklärt, was in unserem Gehirn passiert, wenn wir unsere Gewohnheiten ändern und plötzlich sparen.

"Unser Belohnungszentrum misst immer den Unterschied zu vorher. Also, ob etwas mehr oder weniger geworden ist."
Neurowissenschaftler Henning Beck über Verzicht

Wenn wir auf etwas verzichten, dann löst das bei uns negative Gefühle aus. Das liegt daran, dass es immer relativ ist, was uns erfreut und letztlich glücklich macht. "Das Gehirn freut sich nicht über das, was wir haben, sondern misst nur, ob es mehr oder weniger geworden ist", sagt der Neurowissenschaftler Henning Beck. Weil wir Verluste intensiver wahrnehmen, verzichten wir so ungern.

Deswegen können wir, auch wenn wir tolle Sachen haben, unglücklich sein. "Stell dir vor, du richtest eine Party aus, es kommen alle und du freust dich sehr", macht er deutlich. "Dann gehen alle weg und du bist plötzlich wieder allein nach der Party. Eigentlich ist der Zustand ja wie vor der Party. Du bist alleine zu Hause, aber das fühlt sich immer so ein bisschen komisch, weil du weniger hast als während der Party. Die Leute sind gegangen."

Mit diesen Tricks können wir unser Gehirn überlisten

Doch wir können unser Gehirn überlisten, sodass sich der Verlust nicht ganz so schmerzhaft für uns anfühlt – und das, obwohl Gewohnheiten sehr hartnäckig sind und wir ganz bewusst und mit viel geistiger Energie daran arbeiten müssen, dass wir nicht dauerhaft wieder in alte Muster verfallen. Dafür eignen sich laut Henning Beck verschiedene Methoden:

  • Reframing:
    Reframing heißt so viel wie umdeuten. "Das ist der Fall, wenn ich sage: 'Ich verzichte nicht auf etwas, sondern ich gewinne dadurch beispielsweise mehr Freiheit, oder ich habe dadurch irgendwelche geldwerten Vorteile'", erklärt der Neurowissenschaftler. Diese Technik funktioniert deshalb so gut, weil sich unser Gehirn immer an der Zukunft orientiert und wir ihm so etwas Schönes einreden können.
  • Auf die Vorteile konzentrieren:
    "Sparen ist nicht unbedingt verzichten", sagt Henning Beck. "Wenn ich spare, bedeutet das, ich richte mich auf eine bessere Zukunft ein und dafür spare ich jetzt schon mal. Wohingegen Verzicht psychologisch bedeutet, dass ich für immer weniger habe und es immer schlechter ist als vorher." Wenn wir es schaffen, diesen psychologischen Switch zu machen, dann fällt uns Verzicht leichter.
  • Mit kleinen Verhaltensänderungen arbeiten:
    Der Neurowissenschaftler rät zu kleinen Schritten und erklärt das anhand eines Beispiels: "Du sagst, ich putze mir beispielsweise Zähne immer mit kaltem Wasser. Mit dieser Kleinigkeit fange ich erst mal an, anstatt zu sagen, ich verzichte jetzt ganz generell auf warmes Wasser." Solch kleine Verhaltensänderungen können leichter zu einer dauerhaften Gewohnheit werden.
  • Ein Belohnungssystem schaffen:
    Damit wir Gewohnheiten ändern können, müssen wir sie bewusst durchbrechen – und uns anschließend dafür belohnen. "Das funktioniert beispielsweise, indem du dich fragst, wie sinnvoll bestimmte Routinen – wie etwas mit dem Auto zur Arbeit zu fahren – sind", sagt Henning Beck. "Wenn du dir vor Augen führst, dass du beim radeln mit mehr frischer Luft belohnt wirst, kann das funktionieren. Auf lange Sicht muss man allerdings sehr hart daran arbeiten."