Bautzen, 2016: Die Lage in der Stadt ist angespannt. Peter Rausch leitet das erste Flüchtlingsheim der Stadt, es war einmal sein Hotel. Timo Nicolas hat 2016 mit ihm gesprochen. Als er ihn jetzt erneut erreichen will, kann er ihn nicht direkt erreichen. Peter Rausch sagt heute: Damals sei zwischen ihm und der Stadt etwas zerbrochen.

Anmerkung: Dieser Text ist die Grundlage für einen Radiobeitrag. Der beinhaltet Betonungen und Gefühle, die bei der reinen Lektüre nicht unbedingt rüberkommen. Außerdem weichen die gesprochenen Worte manchmal vom Skript ab. Darum lohnt es sich, auch das Audio zu diesem Text zu hören.

Timo Nicolas: Können Sie mal kurz beschreiben, wo Sie sind und was Sie um sich herum sehen?

Peter Rausch: Ich bin in Botswana in der Hauptstadt Gaborone, bisschen außerhalb, sitze in meiner Unterkunft hier, auf der anderen Seite sehe ich Südafrika und in meinem Garten befinden sich zwei Ponys, die wir letzte Woche vom Schlachter gerettet haben und die wir hier aufpäppeln. Die laufen um mich herum, sind noch sehr scheu, aber akklimatisieren sich langsam, also ist recht idyllisch.

Idylle statt Bautzen

Als ich Peter Rausch 2016 kennengelernt habe, da saß er in einem kleinen, kargen Büro in seinem Hotel in Bautzen. Dem Spreehotel. Das war damals schon eine Flüchtlingsunterkunft. Und er war der Heimleiter. Er konnte streng sein und ruppig, aber eben auch sehr herzlich. Er hat sich gekümmert um die Bewohner und seinen neuen Job wirklich geliebt. 

Seitdem ist aber viel passiert.

Timo Nicolas: Können Sie sich vorstellen, zurück nach Bautzen zu ziehen?

Peter Rausch: (Lacht amüsiert & bitter) Um Gotteswillen, Gott behüte, das könnten Sie mir nicht mal mit 'ner richtig substanziellen Summe schmackhaft machen, damit habe ich abgeschlossen. Ich sage das nicht böse. Aber damit habe ich abgeschlossen.

Peter Rausch hat Bautzen vor einem Jahr verlassen. Damals wollte er die Stadt nie wieder betreten.

Etwas ist zerbrochen

Peter Rausch: Es waren ja nicht nur die Morddrohungen, das Ausspucken auf dem Boden vor mir, das Hausverbot in mehreren Geschäften plus die zerbrochenen Freundschaften, sondern es waren eben auch diese vier Molotowcocktails, die Anfang Dezember 2016 vor meiner Türe gelandet sind. Wo ich mir anhören musste, ich soll mich nicht so anstellen, es sei ja nix passiert. Ich habe mich nicht wohl gefühlt, ich hatte Angst, bin auch die ersten Tage gar nicht mehr in die Stadt gegangen. Und das hat auch dazu geführt, dass viel zwischen Bautzen und mir zerbrochen ist. 

Nach dem Anschlag auf sein Hotel wird er erstmal ein noch lauterer Fürsprecher für Flüchtlinge in Bautzen, engagiert sich politisch, tritt in die SPD ein. Das Spreehotel, das ist sein Lebenswerk und vier Molotowcocktails können das nicht zerstören. So hab ich ihn damals auch kennengelernt. Als einen, der sich nicht einfach so unterkriegen lässt.

Am Ende macht ihm dann auch die deutsche Bürokratie einen Strich durch die Rechnung und nicht die Molotowcocktails.

Es wird schon gut gehen

Als Peter Rausch 2014 mit dem Spreehotel das erste Flüchtlingsheim in Bautzen aufmacht, gibt es Probleme mit dem Bebauungsplan des Hotels. Er kann darum keinen langfristigen Vertrag mit dem Landkreis abschließen. Stattdessen bekommt er immer nur Ein-Jahres-Verträge. Er ist sich sicher, dass es schon gut gehen wird. Doch dann ändert sich die Flüchtlingspolitik. 

Einige EU-Staaten machen ihre Grenzen dicht, die EU schließt außerdem Verträge mit der Türkei und mit Libyen ab, damit weniger Flüchtlinge überhaupt nach Europa kommen. Die Folgen spürt auch Peter Rausch in Bautzen: Der Bedarf nach Unterkünften für Asylbewerber sinkt. 

Und das einzige Heim ohne langfristigen Vertrag ist Seins.

"Als ich gehört habe, dass man mir das Heim schließt, da ist 'ne Teilwelt zusammengebrochen."
Peter Rausch

Peter Rausch: Ich meine ich habe faste 20 Jahre in dieser Stadt gelebt, ja, das ist eine lange Zeit, ich hatte gute Zeiten, schlechte Zeiten. Ich war eigentlich furchtbar enttäuscht, dass dieses für mich persönlich Lebenswerk, was ich da geschaffen habe mit diesem Asylheim, dass das so sang- und klanglos untergeht. Das fand ich sehr sehr traurig. Das ist eine persönliche Niederlage von mir.

Im Juli 2017 müssen alle Bewohner das Spreehotel verlassen.

Peter Rausch: Das war emotional wohl das schlimmste, weil da ganz viele waren, mit denen wir wirklich auch persönlich Kontakt hatten. Da sind Freundschaften, wirkliche Freundschaften entstanden und das zu sehen an den zwei Tagen. Sie wurden in zwei Schüben ab jeweils 90 Personen 'rausgenommen, mit Bussen weggefahren, haben erst 24 Stunden vorher erfahren, in welches Heim sie kommen. Das war hoch emotional, das war wirklich schlimm.

Timo Nicolas: Wie kann ich mir das vorstellen, standen Sie dann da am Eingang…?

"Ich stand nirgends. Ne, ne: Ich war in meinem Büro und hab geheult. Ich gebe ganz ehrlich zu, ich konnte gar nicht rausgehen. Ich fand das wirklich schlimm. Ich fand es wirklich furchtbar."
Peter Rausch

Peter Rausch macht noch einen Versuch, er will sein Lebenswerk retten, indem er das Spreehotel in ein Integrationszentrum umwandelt. Aber am Ende scheitert es am Geld. Die Stadt Bautzen habe ihm 25.000 Euro für die Finanzierung zugesagt, sagt er – am Ende bekommt er das Geld dochnicht.

Am 22. Dezember 2017 schließt das Spreehotel, für immer. Eine Tag später verlässt er die Stadt.Er zieht zurück in seine Heimat, nach Donau-Eschingen in den Schwarzwald. Die ersten paar Wochen erholt er sich, macht einen Wellness-Urlaub. Und dann kommt Leere.

"Scheiße ging's mir, ganz klipp und klar. Im Februar kam der Blues. Plötzlich. Mein Gott, keine Verantwortung mehr, keine menschen mehr um dich herum. Fast 60. Was machst du jetzt?
Peter Rausch

Er sucht zwar Kontakt zu lokalen Flüchtlingshelfern, und die sind begeistert von ihm und von seinem Tatendrang, aber sie sagen: Danke, aber wir haben genügend Helfer. Für den Heimleiter und Flüchtlingshelfer Peter Rausch gibt es in Donau-Eschingen nichts zu tun.

Was also macht ein Mann, der sein Lebenswerk verloren hat und dessen Hilfe nicht mehr gebraucht wird?

Er pachtet einen Souvenirladen.

Peter Rausch: Ich habe dann meine supertolle Vitae vom glorreichen Hotelier zum Pleitehotelier, zum Asylheimbetreiber, zum Integrations-gescheiterten fortgesetzt, indem ich einen Souvenirladen an der Donauquelle übernommen haben und von April diesen Jahres Souvenirs an Touristen in Donau-Eschingen verkauft habe. Ein wahnsinniger, ehrenwerter Job mit vielen netten Menschen, die reinkommen und irgendwelche ganz scheußlichen Dinge von mir kaufen, die eigentlich kein Mensch braucht. Aber nett war's.

Kühlschrankmagneten, Gläser, Teller, Spazierstöcke, alle sind bedruckt mit Bildern der Donauquelle. Er mag den Job, die Arbeitszeiten sind relativ entspannt und er trifft viele Menschen aus vielen Ländern. Das gefällt ihm sehr gut, das hat er schon an seiner Arbeit im Spreehotel gemocht. 

Noch nicht das Ende

Das könnte das Ende seiner Geschichte sein. Ist es aber nicht, denn Peter Rausch hat zwei verwahrloste Ponys in Botswana vor dem Schlachter gerettet.

Aber warum ist er überhaupt dort?

Peter Rausch: Ich helfe Freunden, die eine 10 Hektar große Farm haben - mit 15 Pferden, verschiedenartigen Lodges, also auch zum Unterbringen von Menschen, einem Restaurant. Im Prinzip helfe ich hier mit, das von Privat praktisch in Professionalität zu überführen, Strukturen mit aufzubauen, die ich ja von meiner Hotelzeit noch kenne. Ich mache Heu, ich miste die Pferde aus, ich koche, wenn's drauf ankommt. Ich mache Training für die Mitarbeiter, speziell in der Küche und im Service, das macht ein großen Spaß.

Der Kontakt zu den Besitzern der Farm kam über einen alten Freund aus Bautzen. Und kurz bevor er im November für den Job nach Botswana fliegt, fährt er doch noch einmal zurück, nach Bautzen.

"Das Erste, was ich treffe, waren fünf ehemalige Bewohner meines Hauses. 'Hallo Chef, wie geht's?', umarmen sie mich. Das fand ich schon ziemlich emotional. Das hat mich sehr gefreut."
Peter Rausch

Er fährt auch noch ein letztes Mal zum Spreehotel.

Peter Rausch: Ich hab' noch überlegt, soll ich ins Hotel fahren, soll ich mir das anschauen oder nicht. Ich hab es dann auch getan - das war ein großer Fehler, weil es schon sehr heruntergekommen ist. Ein Jahr nicht bewohnt, kein Garten ist gemacht. Es sieht aus wie so ein verwunschenes Schloss im Moment. Da sind mir Tränen 'runtergelaufen. Aber ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen: Ich bin froh, dass ich es gemacht habe, weil es der letzte Haken war, den ich für mich selber brauchte.

Seit diesem Besuch in Bautzen geht es Rausch besser, die Wut ist fast verflogen, sagt er. Er ist noch bis Ende Januar in Afrika, dann geht es zurück nach Deutschland. Ab März kommen wieder die Touristen nach Donau-Eschingen. Und die wollen Kühlschrankmagneten und Biergläser kaufen. Er will aber noch mindestens einmal zurück nach Botswana. Immerhin wird er dort gebraucht. Von seinen Freunden. Und er muss nach den beiden Ponys sehen, die er gerettet hat - vor allem nach der Stute, die ist nämlich trächtig und bekommt bald Nachwuchs. 

Als Deutschlandfunk-Nova-Autor Timo Nicolas versucht, Peter Rausch zu erreichen, geht nichts mehr: Email-Adressen, Telefonnummern - kein Kontakt funktioniert mehr. Schließlich hat er nur die Geschäftsadressen von Peter Rauschs Spreehotel, dem späteren Flüchtlingsheim. Doch das gibt es mittlerweile nicht mehr. Timo versucht Peter Rausch über Kontakte in Bautzen zu erreichen - und findet ihn letztlich via Facebook. Erst dann erfährt er, dass er Bautzen zwischenzeitlich verlassen hat.