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Kompass, Papier, Schwarzpulver, Buchdruck – wie unsere Welt ohne diese chinesischen Erfindungen und Verfahren aussähe, können wir uns heute kaum vorstellen. Aber es gibt auch weniger augenscheinliche Ideen aus China, über die wir wenig wissen. Selbst bei den Chinesen, die diese Produkte über Jahrtausende erforscht haben, fielen sie zwischenzeitlich in Vergessenheit. Was so ein heimlicher Protagonist der Wissenschaft zu erzählen hat, darüber spricht die Sinologin Dagmar Schäfer in ihrem Vortrag.

Auch wenn viele von uns noch nie von Tungöl, dem Öl der Holzbaum-Pflanze, gehört haben, ist es sehr wahrscheinlich, dass wir schon mal Gegenstände berührt oder benutzt haben, die dieses vielseitige Öl enthalten. Es kommt in Technik und Industrie zum Einsatz, im Kunsthandwerk und in der pharmazeutischen Forschung.

Es gibt eine lange Tradition der chinesischen Auseinandersetzung mit diesem Alleskönner-Öl: Die Sinologin Dagmar Schäfer berichtet, dass es als eine Art chinesischer Beton zum Einsatz gekommen ist, beim Deichbau und im Kunsthandwerk – als wichtiger Bestandteil in Farben, Lacken und Firnissen.

"Konfuzius führt dieses Material als eines unter vielen auf, das die chinesische Kultur und Zivilisation, die Staatenbildung und das Gemeinschaftswesen fördere."
Dagmar Schäfer, Sinologin, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte

Es wurde in der Landwirtschaft zur Insektenvernichtung eingesetzt. Und Marco Polo lobt die Vorzüge des Öls beim Kalfatern, also beim Abdichten von Schiffsplanken. Damit reiht es sich ein in die Geschichte der chinesischen Erfindungen.

Der englische Philosoph und Staatsmann Francis Bacon schrieb dazu 1620: "Das Wesen von Erfindungen kann nirgendwo klarer erfasst werden als anhand jener drei, die dem antiken Menschen unbekannt waren und deren Ursprung – obwohl jung – dunkel und glanzlos ist: nämlich der Druckkunst, des Schießpulvers und des Magnets. Denn alle drei haben das Antlitz und den Zustand der Welt verändert: die erste in der Literatur, die zweite in der Kriegskunst und die dritte in der Seefahrt. Dieser Revolution sind unzählige Veränderungen gefolgt, und zwar dergestalt, dass keine Macht, keine Sekte, kein Stern mehr Einfluss auf die menschlichen Geschäfte ausgeübt hat, als diese drei mechanischen Erfindungen."

"China hat alles zuerst erfunden. Was immer die Chinesen taten, sie taten es zuerst und besser."
Dagmar Schäfer, Sinologin, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte

Aber eben auch Dinge wie Porzellan, die Seidenweberei oder der Schubkarren wurden zuerst in China entwickelt und prägten wichtige Bereiche des menschlichen Wirtschaftens. Dann aber, so Dagmar Schäfer, gerät dieses über Jahrtausende angesammelte Wissen über das Öl des Holzbaumes in Vergessenheit.

Das Tungöl wird vor allem zu einem Exportartikel in Richtung USA. Im 20. Jahrhundert hat die US-amerikanische Industrie großen Bedarf für dieses leitfähige Öl in der Automobil- und Kriegsindustrie.

"So intensiv wie Europa entdeckt, so intensiv wird in China vergessen. Es scheint fast so, als habe man nicht Jahrhunderte mit dem Werkstoff gearbeitet."
Dagmar Schäfer, Sinologin, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte

Heute wird Tungöl in China wieder genutzt, beispielsweise bei der Platinenherstellung. Dagmar Schäfer deutet den Umgang mit Tungöl als einen Indikator für die chinesische Vergangenheit und Zukunft der Naturwissenschaften.

Der Vortrag

Dagmar Schäfer ist Sinologin und Wissenschaftshistorikerin mit einem Hang zum Erforschen von menschgemachten Dingen und Verfahren. Sie hat in China studiert und war dort auch Praktikantin in einer Seidenfabrik. Sie ist Direktorin am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und leitet dort den Arbeitsbereich Artefakte, Handeln, Wissen.

2020 wurde sie für ihre Arbeit mit dem Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis ausgezeichnet. Ihren Vortrag mit dem Titel "Die chinesische Vergangenheit (und Zukunft?) der Naturwissenschaften" hat sie am 16.11.2020 auf Einladung des digitalen Wissenschaftsprogrammes der Volkshochschulen, "VHS Wissen live", gehalten.