Yennifer Dallmann-Villa wurde in Kolumbien geboren, kam erst in ein Kinderheim und wurde dann von einer deutschen Familie adoptiert. Um mehr über ihre Herkunft zu erfahren, ist sie nach Kolumbien gereist. Dort hat sie einen Teil ihrer Familie wiedergefunden.

Seit über zehn Jahren engagiert sich Yennifer Dallmann-Villa für kolumbianische Mütter und deren Kinder, die aufgrund einer internationalen Adoption von einander getrennt wurden. Sie sagt, dass sie sehr froh darüber ist, dass ihre deutschen Eltern ihr diese Tatsache nie verheimlicht haben. Im November 2017 ist sie zum ersten Mal nach Kolumbien gereist und ein halbes Jahr dort geblieben. 

Die andere Seite der Adoption zeigen

Den Aufenthalt finanzierte sie durch eine Kickstarter-Kampagne, mit der sie ihr Kunstprojekt #NoMotherNoChild finanzierte. Bei diesem Fotoprojekt porträtiert sie Frauen, deren Kinder - in manchen Fällen aus der Not heraus, in manchen sogar gegen den Willen der Mütter - zur Adoption ins Ausland freigegeben wurden. Seit zehn Jahren engagiert sich Yennifer Dallmann-Villa gegen die Adoptionspraxis in ihrem Herkunftsland Kolumbien. "Internationale Adoption ist eine Mega-Billionen-Dollar-Industrie", erzählte uns Yennifer kurz vor ihrer Abreise nach Kolumbien. Sie sagt, dass der Staat mit diesen Adoptionen Geld verdiene. Und sie weiß aus eigenem Erleben und aus dem Gespräch mit Müttern, die ihre Kinder verloren haben, wie traumatisierend diese Erfahrung für die betroffenen Familien ist.

"Als ich dann im Taxi saß und in die Stadt Medellín reingefahren bin, da ist mir klar geworden, dass ich wirklich zuhause bin. Das erste Mal in meinem Leben habe ich gewusst, hier soll ich eigentlich sein. Das war ein unglaublich schönes Gefühl."
Yennifer Dallmann-Villa über die Suche nach ihrer kolumbianischen Familie
Yennifer Dallmann-Villa und Moderator Sebastian Sonntag.
© Deutschlandfunk Nova
Yennifer Dallmann-Villa mit Moderator Sebastian Sonntag im Deutschlandfunk-Nova-Studio

Ähnlich wie Yennifer gibt es noch viele andere Schicksale von kolumbianischen Kindern, die international adoptiert wurden und ihr Herkunftsland verlassen mussten. Gemeinsam mit 17 anderen Autoren hat sie das Buch "Decoding Our Origins: The Lived Experiences of Colombian Adoptees" veröffentlicht, um anhand der Essays sichtbar zu machen, welchen Einfluss diese Adoptionspraxis auf die Betroffenen haben kann. Genauso wie Yennifer sind auch die anderen international Adoptierten mit einem Dokument aufgewachsen - einer sogenannten Verlassenheitserklärung - auf dem schriftlich bestätigt wird, dass sie von ihren Familien verlassen wurden. 

Geschichten über Mütter oft nicht wahr

Zur Erklärung, warum sie verlassen wurden, wird den Adoptierten gesagt, dass ihre Mütter drogenabhängig oder kriminell waren, sodass die Kinder vor ihnen geschützt werden mussten. Hier werden von Verantwortlichen oft stereotype Aussagen gemacht, die oft nicht wahr sind. Solche Fälle sind Yennifer bei ihren Recherchen für ihr Projekt #NoMotherNoChild häufig begegnet.

"Wir sind alle mit einem Papier aufgewachsen, auf dem 'Verlassenheitserklärung' draufsteht. Damit aufzuwachsen ist ziemlich schwierig: Meine Mutter hat mich verlassen, meine Familie mich zurückgelassen - mich aufgegeben."
Yennifer Dallmann-Villa über die Suche nach ihrer kolumbianischen Familie

Durch eine Organisation, die Betroffenen hilft, hatte Yennifer die Möglichkeit, im Lokalfernsehen an einer Talkshow teilzunehmen. Dadurch konnte sie ihre Mutter, ihre Großmutter und einen Bruder ausfindig machen. Bei dem Treffen mit ihrer Mutter hat sie dann erfahren, dass ihre Mutter tatsächlich drogenabhängig und obdachlos ist. Allerdings hat ihre Mutter auch einen Platz in einem Obdachlosenheim gefunden, wo sie eine gewisse Unterstützung erhält. Von ihrer Großmutter hat Yennifer erfahren, dass sie sich darum bemüht hatte, Yennifer zu sich zu holen, um sich um die Enkelin zu kümmern. Aber dass sei ihr verwehrt worden. 

Yennifer sagt, dass diese Erfahrung sie sicherer und ausgeglichener gemacht hat. Und dass sie sich, mit dem Wissen um ihre kolumbianische Familie, nicht mehr so alleine fühlt.  

"Ich habe dem System gar nicht mehr vertraut nach all meinen Recherchen. Ich habe gedacht, vielleicht habe ich vom Jugendamt Dokumente von einem toten Kind erhalten, um mich aus dem Land zu kriegen."
Yennifer Dallmann-Villa über die Suche nach ihrer kolumbianischen Familie

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