In den letzten Jahrzehnten ist in Sachen Gleichberechtigung viel passiert, keine Frage. Und trotzdem leben wir noch in einem Patriarchat, glaubt Ann-Kristin Tlusty. Wenn wir das überwinden wollen, darf Feminismus nicht länger nur Lifestyle-Projekt und individuelles Anliegen sein, sondern muss eine politische Aufgabe und ein gesamtgesellschaftliches Projekt werden, fordert die Journalistin und Autorin.

Feminismus ist mehr und mehr zum "Lifestyle-Projekt" geworden, kritisiert die Journalistin und Autorin Ann-Kristin Tlusty – und mit so einem Feminismus kann sie nicht viel anfangen. Damit sei nämlich eine enorme Entpolitisierung einhergegangen. Im Vergleich zu den 60ern etwa fehlt ihr der große Blick aufs Ganze, auf kapitalistische Zusammenhänge zum Beispiel.

"Ich glaube, es ist fatal, dass wir in den letzten Jahren im Feminismus begonnen haben, die Verantwortung immer mehr ins Individuum zu verlagern."
Ann-Kristin Tlusty, Journalistin und Autorin

Ann-Kristin Tlusty kritisiert eine zunehmende Individualisierung des Feminismus, "weil Individuen ja immer nur unter gegebenen Bedingungen handeln können."

Gleichberechtigung ist nur für wenige möglich

Aber haben wir nicht schon auch Gleichberechtigung? Nein, meint Ann-Kristin. Man müsse den Blick auch weiten. Nicht für alle ist Gleichberechtigung möglich, sagt die Journalistin. Oft sei das nur in akademischen Milieus möglich, weil andere Frauen bestimmte Arbeiten übernehmen.

"Selbst, wenn ich in einer gleichberechtigten Partnerschaft lebe und das Gefühl habe, ich verdiene genau so viel wie meine Kollegen und Kolleginnen, leben wir trotzdem noch in einer Welt, die noch weit davon entfernt ist, Gleichberechtigung für alle zu ermöglichen."
Ann-Kristin Tlusty, Journalistin und Autorin

Haushalte mit höherem Einkommen könnten sich zum Beispiel eher eine Putzkraft leisten – die meistens weiblich sei und oft migrantisch. Oder auch Babysitting sei meist Menschen mit besserem Einkommen vorbehalten.

Benachteiligte Frauen ermöglichen anderen Frauen erst die Gleichberechtigung

Ann-Kristin Tlusty möchte sich mit den Verhältnissen nicht zufriedengeben. Jede vierte Frau arbeitet im Niedriglohnsektor, sagt sie, noch immer verdienen Frauen weniger Geld und haben weniger Vermögen als Männer, auch global gesehen.

"Wir haben viele Punkte, an denen wir ansetzen können."
Ann-Kristin Tlusty, Journalistin und Autorin

Vor allem im Bereich der Arbeits- und Sozialpolitik gibt es viel zu verändern, sagt Ann-Kristin im Grünstreifen-Interview: "Es gibt noch immer viele Instrumente, die Frauen dazu ermutigen, in so eine klassisch-weibliche Rolle – also im Sinne von Teilzeit arbeiten, sich um die Kinder kümmern – zu gehen", kritisiert sie und führt das Ehegattensplitting als Beispiel an. An solchen Punkten sollte die Politik ansetzen, "um sich nicht damit zufrieden zu geben, dass wir im Patriarchat leben."

"Dass wir überhaupt von starken Frauen sprechen, offenbart, dass Starksein eigentlich immer noch als Ausnahme tituliert wird."
Ann-Kristin Tlusty, Journalistin und Autorin

Und wie sieht es mit Frauen aus, die als Vorbilder gelten? An dem Begriff der "starken Frau" stößt sich Ann-Kristin sehr, sagt sie. Für sie impliziert das Hervorheben dieser Eigenschaft, dass Frauen im Normalfall eigentlich gar nicht als stark angenommen werden.

Außerdem liegt das Augenmerk bei der Zuschreibung "starke Frau" der Journalistin und Autorin zufolge immer auf ganz bestimmten Eigenschaften – nämlich: Karriere, Durchsetzungsfähigkeit oder Erfolg zum Beispiel. Alles Werte, die (wenn man binär denke) sehr männlich geprägt seien.

"Das stört mich an diesem Begriff der starken Frau, dass er für sehr sehr wenige reserviert ist."
Ann-Kristin Tlusty, Journalistin und Autorin

Aus dem Blick fielen dabei zudem Frauen, die sich etwa auf dem Niedriglohnsektor durchschlagen oder alleinerziehend sind und dabei sehr viel Kraft an den Tag legten, um den Alltag zu bewältigen. Die gelten aber niemals als stark, so Ann-Kristin, weil das nicht als schick gilt und nicht gut auf Insta und Co. verkauft werden kann.

Feminismus als politische und gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Und wie will sie das Problem lösen? Ihrer Ansicht nach sollte Feminismus keine individuelle Aufgabe sein, sondern ein gesamtgesellschaftliches Projekt und eine politische Aufgabe. Und das ließe sich über Maßnahmen wie etwa Mindestlohn oder eine echte Grundrente verwirklichen.

Im Grünstreifen-Interview mit Jenni Gärtner nennt Ann-Kristin Tlusty noch eine Reihe weiterer Ansätze, die ihres Erachtens eine feministischere Gesellschaft ermöglichen könnten. Außerdem verrät sie, was für ein Problem sie mit Schokoladeessen als Hobby hat, welche problematischen Frauenfiguren sie im Feminismus ausmacht, warum Feminismus auch Druck auf Frauen ausüben kann und was sie unter "süßlicher Entfremdung" versteht. Das ganze Gespräch hört ihr, wenn ihr auf Play klickt.

Ihre Kritik am aktuellen Feminismus sowie Lösungsansätze hat Ann-Kristin in ihrem Buch "Süß - Eine feministische Kritik" niedergeschrieben, dass diesen Montag (27. September 20121) im Hanser Verlag erscheint.