Nach einer Reihe erschreckender, antisemitischer Übergriffe demonstrierten in Frankreich viele Menschen mit dem Aufruf "Ça suffit" (es reicht) gegen die zunehmenden, antisemitisch-motivierten Straftaten im Land.

Auf einem jüdischen Friedhof im Elsass wurden über 80 Gräber mit Hakenkreuzen und anderen Schmierereien geschändet. Ein jüdischer Philosoph wurde antisemitisch beschimpft. Bilder einer Auschwitz-Überlebenden wurden mit Hakenkreuzen beschmiert. Zwei Bäume wurden gefällt, die vor 13 Jahren zu Ehren eines ermordeten jüdischen Mannes gepflanzt worden waren. Im vergangenen Jahr wurde die 85-jährige Mireille Knoll, in ihrer Wohnung erstochen und halb verbrannt. Ein brutale Tat, durch die diese beunruhigende Entwicklung in die Schlagzeilen gekommen ist. Seitdem wird in den Medien darüber diskutiert.

Dramatischer Anstieg antisemitischer Übergriffe

Diese Übergriffe und Anschläge sind nur wenige Beispiele für die antisemitisch-motivierten Straftaten, die in Frankreich in den letzten Wochen und Monaten verübt wurden. Frankreichs Innenminister Christophe Castaner sagte vor Kurzem, dass die antisemitischen Übergriffe um 74 Prozent gestiegen seien. Auch in Deutschland nehmen die Straftaten, die sich gegen jüdische Menschen richten, zu. 

"Es gibt den alten rechtsextremen Antisemitismus, in der extremen Linken gibt es einen Antisemitismus, der sich vor allem als Kritik an Israel darstellt und als drittes gibt es dieses neue Element eines islamitischen Antisemitismus, der in Frankreich vor allem in den Vorstädten in den Einwanderermilieus stark ist."
Stefan Seidendorf, Stellvertretender Direktor des Deutsch-Französischen Instituts Ludwigsburg

Stefan Seidendorf vom Deutsch-Französischen Institut in Ludwigsburg sieht drei Gruppierungen, die antisemitisch eingestellt sind und von denen Übergriffe ausgehen können. Zum einen Rechtsextreme, zum zweiten auch linksextreme Antisemiten, die gegen Israel eingestellt sind, und dann gibt es die neue Gruppierung der islamistischen Antisemiten, sagt Stefan Seidendorf. Der islamistische Antisemitismus hat sich, laut Stefan Seidendorf, im vergangenen Jahren am stärksten ausgebreitet. 

Antizionismus vermengt sich mit linksextremistischem Antisemitismus

Der französische Historiker Georges Bensoussan geht noch ein bisschen weiter und sagt: Der traditionelle Antisemitismus ist in Frankreich nicht mehr so verbreitet. Aktuell spielen vor allem der linksextremistische Antisemitismus, der sich mit Antizionismus vermenge, eine Rolle und der muslimische Antisemitismus, der sich auf der ganzen Welt ausbreite – nicht nur in Frankreich.

"Erstmal muss man natürlich sagen: Die Regierung ist tendenziell daran interessiert, die "Gelbwesten" zu diskreditieren – weil die Gelbwesten ja gegen die Regierung demonstrieren."
Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Rahel Klein über die Antisemitismus-Vorwürfe gegen die Gelbwesten

Auch wenn die französische Regierung ein Interesse daran haben kann, die Gelbwesten zu diskreditieren, weil sie gegen die Regierung demonstrieren, soll es am Rande der Gelbwesten-Proteste viele antisemitische Vorfälle gegeben haben. Und es gibt auch die Beobachtung, dass sich unter die Gelbwesten viele Extremisten gemischt haben, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Rahel Klein. Stefan Seidendorf vom Deutsch-Französischen Institut denkt allerdings nicht, dass die Gelbwesten antisemitischer sind als der Durchschnitt der Bevölkerung, aber er sagt auch, dass sie eine klare Affinität zu Gewalt gezeigt hätten, auch zu relativ ungeplanten Ausbrüchen von Gewalt.

"Sie haben eine klare Affinität zu Gewalt, auch zu relativ ungeplanten Ausbrüchen von Gewalt, und es wurden alle möglichen Verschwörungstheorien durch die Gelbwesten immer wieder bedient. Der Anteil von Leuten, die Verschwörungstheorien glauben, ist bei den Gelbwesten deutlich höher."
Stefan Seidendorf, Stellvertretender Direktor des Deutsch-Französischen Instituts Ludwigsburg

Joël Mergui, der Präsident des französischen Zentralrates der Juden sieht die zunehmenden antisemitischen Übergriffe als ein Zeichen dafür, dass sich viel Hass auf die Regierung, die Politik, das politische System aufgestaut habe. Demzufolge vermischt sich in Frankreich möglicherweise gerade der Hass auf Juden mit der Ablehnung des politischen Systems insgesamt.

"Ich glaube, wir sind in einer Zeit, in der sich der Hass zunehmend ungehemmt ausdrückt. Und Judenhass ist immer auch ein Gradmesser für den Hass insgesamt in einer Gesellschaft."
​Joël Mergui, Präsident des französischen Zentralrates der Juden

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