Bewerber als Bittsteller? Das war mal. Zumindest sagt das eine aktuelle Studie der Online-Jobplattform Stepstone: Laut der suchen sich nicht die Arbeitgeber die Bewerber aus, sondern umkehrt: die Bewerber den Arbeitgeber. Zumindest für Fach- und Führungskräfte gibt's der Markt mittlerweile offenbar her. 

Die meisten von uns kennen das: Du hast mühselig eine Bewerbung geschrieben, bist - Yeah! - zum Bewerbungsgespräch eingeladen worden, hast es dann auch noch mit schwitzigen Händen durch das Gespräch geschafft, und dann... dann kommt das lange, zermürbende Warten. Kommt eine Zusage? Kommt eine Absage? Kommt überhaupt irgendwas? - So war das mal. Laut einer Online-Untersuchung der Jobplattform Stepstone, die der Wirtschaftswoche exklusiv vorliegt, läuft es heute eher andersrum, zumindest für einige Berufsgruppen.

Stepstone-Studie: Fachkräfte suchen sich Jobs aus

29 Prozent der Bewerber sagen laut der Untersuchung am Ende: Nein, Danke, doch keine Lust! Für den gesamten Arbeitsmarkt in Deutschland ist das aber nicht repräsentativ, sagt unser Reporter Pascal Fischer. Das Portal richtet sich nämlich eher an Fach- und Führungskräfte, die bessere Berufschancen als andere Arbeitnehmer haben. Laut dem Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung in Nürnberg gibt es derzeit 1,5 Millionen offene Stellen, aber 2,2 Millionen Arbeitslose. Bei Helfertätigkeiten zum Beispiel hat sich der Arbeitsmarkt nicht so zugunsten der Bewerber gedreht, sagt Pascal. 

Viele Bewerber bewerben sich aus einer Festanstellung heraus

Viele Bewerber haben offenbar auch gar keine Not, einen Job anzunehmen. Viele bewerben sich nämlich aus festen Jobs, sagt André Schäfer von Stepstone. Sie suchen nicht irgendeine Anstellung, sondern ihren Traumjob.

"Diese Bewerber suchen nicht nur einfach einen Job. Sie suchen ihren Traumjob. Und Traumjob heißt: Da müssen alle Faktoren stimmen. Und dann sehe ich ganz genau hin, ob der Job zu mir passt."
André Schäfer von Stepstone über Bewerber, die sich aus einem festen Job heraus bewerben

In diesen Fällen ist also eher das Unternehmen unter Druck, das sucht. Die Arbeitnehmer können dann ganz einfach auf das nächste Angebot warten. Dass die Firmen sich mittlerweile bei den Fachkräften bewerben müssten, statt umgekehrt, ist bei den Arbeitgebern aber offenbar noch nicht wirklich durchgesickert, sagt unser Reporter. 

Firmen machen Fehler bei der Mitarbeiterssuche

Die Arbeitgeber machen Fehler: Viele Firmen lassen die Bewerber zum Beispiel immer noch bergeweise Papierformulare ausfüllen, hat André Schäfer von Stepstone unserem Reporter erzählt. Dann höre man erst mal Wochen lang gar nichts. Diese Vakanzzeit, also die Zeit zwischen Erstkontakt und Arbeitsvertrag, dauere fast einen Monat lang. In der Zwischenzeit orientieren sich Jobsuchende dann eben auch mal um. 

Manche Arbeitgeber, so André Schäfer, sagen in ihren Anzeigen auch kaum etwas über die Stellen oder die Firmen, um die es geht. Damit kann ein Bewerber dann auch nicht viel anfangen.

"Die Bewerber wissen nicht: Gibt es da eine Kantine? Wie ist eigentlich die Parkplatzsituation? Wie ist die Zuganbindung? Und vor allem: Wie ist eigentlich die Kultur dieses Unternehmens?"
André Schäfer von Stepstone über fehlende Firmen-Infos in Stellenanzeigen

In solchen Fällen kann es auch vorkommen, dass beide Seiten erst im Bewerbungsgespräch merken: Das können wir uns sparen, das würde ohnehin nicht passen. 

Eigentlich müssten die Firmen ihre Unternehmenskultur aktiver vermarkten, und zwar schon weit vor dem Bewerbungsprozess, empfiehlt Alexander Kubis vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. 

"30 Prozent aller Neuanstellungen erfolgen aufgrund persönlicher Kontakte im Unternehmen über Empfehlungen von Mitarbeitern. Und an der Stelle ist es eben extrem wichtig: dieses Branding, dass die Leute sich dort wohlfühlen und damit auch ein Commitment abgeben."
Alexander Kubis, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg

Die Mitarbeiter müssten sich im Unternehmen wohl und sich ihm verbunden fühlen, so Alexander Kubis. Denn fast ein Drittel aller Neuanstellungen sei das Ergebnis von Mitarbeiterempfehlungen. Und logisch: Wer sich in seiner Firma nicht gut fühlt, der wird das Unternehmen auch kaum seiner Freundin oder dem Kumpel empfehlen. 

Hinweis: 

In unserem Audio wird gesagt, die Jobplattform Stepstone habe für ihre Umfrage 20.000 Bewerberinnen und Bewerber befragt. Das bezieht sich nur auf die Deutschen. Nach Angaben auf der Webseite der Wirtschaftswoche, der die Untersuchung exklusiv vorliegt, waren es insgesamt 100.000 Bewerbende – aus verschiedenen europäischen Ländern.

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