Chinesen stehen der Digitalisierung wesentlich positiver gegenüber als Deutsche – das sagt eine neue Studie. Unser China-Experte weiß, warum das so ist.

Roboter in den Fabriken, Smart Subways in den Städten oder eine Videoüberwachung mit Gesichtserkennung und Verhaltensanalyse: In China gibt es viele Pläne in Sachen Digitalisierung – und sie werden umgesetzt. 

Einer Studie des Ipsos-Instituts zufolge gibt es generell große Unterschiede zwischen Asien und Europa: Europäer seien der Digitalisierung gegenüber wesentlich kritischer eingestellt als Asiaten. Während in Deutschland 48 Prozent etwas Positives daran finden, sind es in China ganze 83 Prozent, so die Studie im Auftrag des Vodafone-Instituts, die der Welt vorliegt. 

Wir haben mit Steffen Wurzel, ARD-Korrespondenten für China, darüber gesprochen, wie die Digitalisierung in China tatsächlich verläuft und warum die Chinesen anscheinend so positiv darauf reagieren.

In China sind keine gesellschaftlichen Debatten möglich

Es gibt zwei gängige Erklärungsversuche, warum Chinesen die Digitalisierung ihres Landes so positiv sehen, sagt Steffen Wurzel. Das sei zum einen die Annahme, dass Chinesen es ohnehin gewöhnt sind, dass der Staat ihnen sehr stark und entschieden ins Leben eingreift. Eine andere Annahme ist, dass Chinesen der Datenschutz einfach nicht so wichtig ist.

Für Steffen Wurzel stimmen beide Erklärungsversuche ein bisschen. Aber sie seien nicht der Grund, sondern eher ein Symptom für ein tiefergehendes Phänomen: Es gebe einfach keine Debatten.

"Es ist einfach so, dass es in China keine Debatten über solche kritischen Angelegenheiten gibt."
Steffen Wurzel, ARD-Korrespondent für China

"Keine Debatte" bedeutet beispielsweise: Wenn in Berlin am Südkreuz Überwachungskameras mit einem neuen System installiert werden, gibt es eine öffentliche Debatte. Es werden Fragen gestellt, Antworten und Lösungen gefordert. In China würden täglich hunderte solcher Kameras installiert, sagt Steffen Wurzel. Gesprochen werde darüber nicht. 

Grund dafür sei vor allem die fehlende Pressefreiheit: "Entsprechend ist es auch nicht so, dass so eine Debatte angeschoben wird. Und auch so etwas wie eine Zivilgesellschaft im westlichen Sinne gibt es in China inzwischen leider auch nicht mehr", so der ARD-Korrespondent.

Keine Diskussion über Arbeitsplatzverlust durch Roboter-Einsatz

Auch über Arbeitsplätze, die durch den Einsatz von Robotern wegfallen könnten, werde nicht gesprochen. Denn China ist eben eine Diktatur, es gibt nur eine Partei. Während sich in Deutschland Parteien und Interessensgruppen offiziell äußern, gibt es diese Möglichkeit für die Menschen in China nicht.

"China ist eine Diktatur, es gibt nur eine einzige Partei."
Steffen Wurzel, ARD-Korrespondent für China

Vor Kurzem hat Steffen Wurzel zum Beispiel mit einem Kohlekumpel aus Zentralchina gesprochen. Die Mine in der er arbeitet, soll bald geschlossen werden. Der Kohlekumpel war sich sehr sicher, dass der Staat sich etwas für ihn ausdenkt und Bürger wie ihn auffängt.

Von der finanziellen Geldsteinzeit in die Superzukunft

Steffen Wurzel lebt seit drei Jahren als Korrespondent in China. Seitdem hat sich viel geändert: Am Anfang hat er beispielsweise alles bar bezahlt, erzählt er. Heute zahlt er fast nur noch mit dem Smartphone. Das habe zwei einfache Gründe: Es sei bequem und es herrsche eine Art Gruppenzwang. Wenn Steffen Wurzel seinen Kaffee mal bar bezahlen will, wird er schon manchmal schräg angeschaut.

"Das gilt nicht nur für mich als Mitteleuropäer hier, sondern erst recht für die Chinesen. Viele Chinesen, die nie ein Bankkonto besessen haben in den vergangenen Jahren, sind jetzt quasi von der finanziellen Geldsteinzeit in die Superzukunft katapultiert worden."
Steffen Wurzel, ARD-Korrespondent für China

Auch für die Chinesen ist der digitale Alltag neu: Viele von ihnen hatten vorher nie ein Bankkonto. Sie haben in den letzten Jahren einen großen Sprung in die Zukunft gemacht. Es gab eine Zeit, in der China in der Entwicklung hinten anstand – das hat sich in das Gegenteil verändert, sagt Steffen Wurzel.

Manchmal fällt in diesem Zusammenhang auch die Theorie des Leapfroggings: ein Land überspringt eine Entwicklungsstufe. So haben die Chinesen unter anderem die Bankkarte übersprungen. Sie hatten lange keine Möglichkeiten, Geld zu überweisen, daher wurde es bar übergeben. Jetzt läuft das alles komplett digital.

"Ich finde, das ist ein sehr rassistisches Argument, das kommt immer wieder durch - bei sogenannten Fachleuten, die sagen "Der Chinese an sich". Ich halte das für Quatsch."
Steffen Wurzel, ARD-Korrespondent für China

Der Wandel habe mit der Mentalität nichts zu tun, sagt Steffen Wurzel. Das sei ein rassistisches Argument. Viel entscheidender sei, dass keine Debatten über das Für und Wider stattfinden. So fänden gesellschaftlich-technologische Wandel viel schneller und viel deutlicher statt, als bei uns. 

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