Radikalisierung im Netz läuft oft nach einem ähnlichen Muster ab, sagt der Extremismusforscher Jakob Guhl – egal ob man sich beispielsweise Rechtsextremismus oder Islamismus anschaue.

Jakob Guhl ist Extremismusforscher und arbeitet in London am Institute for Strategic Dialogue (ISD), sein Hauptinteresse liegt auf der Fragestellung, wie Hass und Radikalisierung im Internet entstehen.

"Man sollte sich nicht den Illusionen hingeben, dass früher alles besser war und Hass und Rassismus Produkte der letzten Jahre sind und nur auf soziale Medien zurückzuführen sind."
Jakob Guhl, Extremismusforscher

Jakob Guhl geht nicht davon aus, dass durch die sozialen Medien Hass und Rassismus schlimmer geworden sind – aber, gibt er zu bedenken, natürlich ist vieles sichtbarer geworden, was vorher vielleicht nur in dunklen Hinterzimmern besprochen wurde. Menschen, die in Vor-Internet-Zeiten noch alleine mit ihrer Meinung dastanden, haben es jetzt einfacher, über das Netz, Gleichgesinnte zu finden, sagt Jakob.

Problem des Geschäftsmodells der größtmöglichen Aufmerksamkeit

Auch liege es am Geschäftsmodell von Facebook und ähnlichen Netzwerken, dass sich polarisierende Meinungen gut verbreiten. Am Ende geht es um größtmögliche Aufmerksamkeit und die gewinnt man etwa mit steilen Thesen, mit emotionalen Bildern oder auch krassen Meinungen, die für Aufregung sorgen.

Neben den bekannten Plattformen, wie Facebook sind alternative Netzwerke inzwischen für die Radikalisierung wichtiger geworden, sagt Jakob Guhl. Bei den Anschlägen in Halle, Christchurch oder Pittsburg hatten die Attentäter zum Beispiel Plattformen wie 4chan oder 8chan genutzt.

Alternative Plattformen spielen für die Radikalisierung eine große Rolle

Wenn Extremisten aus einem bekannteren Netzwerk etwa rausgeworfen werden, dann ziehen sie zu den alternativen Plattformen um – und verlieren deutlich an Followern. Allerdings, gibt Jakob Guhl zu bedenken, sind die verbleibenden Anhänger dann auch eher diejenigen, die die Plattform schon kennen, die zu den radikaleren Anhängern gehören. Um weiterhin Anhänger zu gewinnen, würden Extremisten dann Links zu den neuen Gruppen auf Facebook oder Twitter hinterlassen.

"Da spielen die großen sozialen Medien dann auch wieder eine Rolle als Multiplikator."
Jakob Guhl, Extremismusforscher

Das Sperren und Löschen von Accounts extremer Gruppen sieht der Wissenschaftler als moralisches Dilemma. Er sagt, einerseits würden sich dadurch natürlich die Anhängerzahlen verringern und dadurch würde der politische Diskurs eingeschränkt. Die positive Folge sei, dass extremistische Ideen demnach nur noch bedingt weitergegeben werden.

Andererseits bestehe daneben die Gefahr, dass sich Extremisten dadurch noch weiter radikalisieren, weil sie eben merken, dass sie ihre Meinungen nicht frei äußern können und dass sie vom Diskurs ausgeschlossen werden.

"Wir beschäftigen uns nicht nur mit Extremismus, weil das häufig interessante Geschichten sind, sondern auch aus dem Gefühl, etwas dagegen machen zu müssen, dass Gesellschaften radikalisiert und durch extremistische Bewegungen bedroht werden."
Jakob Guhl, Extremismusforscher

Wenn ihr mehr darüber wissen wollt, zu welchen Themen der Extremismusforscher Jakob Guhl forscht und welche Empfehlungen er und seine Kollegen haben, um mit Extremisten und Radikalisierung umzugehen, dann hört euch das komplette Gespräch an.