Neue App, neue Smartwatch, neuer Sprachassistent – manche von uns begeistern sich für jede technische Entwicklung. Aber dann gibt es auch die anderen, die Veränderungen sehr skeptisch gegenüberstehen.

Das sei völlig normal, sagt die Schriftstellerin und Netzexpertin Kathrin Passig. Aber genervt zu sein, sei kein Grund, sich gegen technische Entwicklungen zu stellen. Auch die Befürchtung, dass es nun mit unserer Kultur oder Gesellschaft bergab gehe, sei unbegründet. In ihrem Vortrag erzählt Kathrin Passig, wie Menschen seit jeher mit Zurückweisung und Unmut auf Neuerungen reagieren.

"Viele wollen erst einmal zehn Jahre gegen alles Neue sein. Zehn Jahre später nutzen sie es dann ganz selbstverständlich und erinnern sich kaum an ihr Unbehagen."

Zum Beispiel bei der Einführung der Glühbirne: Da hieß es, sie werde das Familienleben zerstören, weil nun nicht mehr alle vor dem Kaminfeuer beisammensitzen. Heute reden wir von Internetsucht oder warnen vor der Vereinsamung in der digitalen Welt.

"Das Neue verursacht Unbehagen, so ähnlich wie eine Plombe, die man beim Zahnarzt bekommen hat und die ein kleines bisschen zu hoch ist. Man spielt den ganzen Tag an dieser Plombe herum und möchte, dass das Neue wieder weggeht."

Im Anschluss an Kathrin Passig hat der Medienwissenschaftler Felix Stalder einen ergänzenden Vortrag gehalten. Mit der Digitalisierung, sagt Stalder, wächst die Unübersichtlichkeit. Unsere Welt hat mittlerweile eine solche Komplexität erreicht, dass es für uns schwierig ist, sie zu verstehen, und dennoch müssen wir uns in der Welt zurechtfinden, wir müssen sie für uns lesbar machen. Dazu brauchen Datenverarbeitung, aber auch Kunstwerke.

Kathrin Passigs Vortrag hat den Titel "Die Gegenwart ist schon da – sie ist nur ungleichmäßig verteilt". Sie hat ihn am 25. April 2018 in Berlin gehalten auf dem 22. Berliner Kolloquium der Daimler und Benz Stiftung, "Internet und seelische Gesundheit. Forschung jenseits von Technikangst und Bedenkenlosigkeit".


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