Die Serie islamistischer Anschläge in Frankreich reißt nicht ab. Härte des Staates ist eine mögliche Antwort. Er müsse der Radikalität aber auch präventiv und sozial begegnen, sagt die Politologin Julie Hamann.

Seit 2012 erlebt Frankreich mit erschreckender Regelmäßigkeit brutale Anschläge radikaler Islamisten. In dem Land sind allein im Jahr 2020 bei vier Angriffen mit nachweislich oder mutmaßlich islamistischem Hintergrund sechs Menschen mit Messern ermordet worden – in Romans-sur-Isère, bei zwei Anschlägen in Paris und zuletzt am 29. Oktober 2020 in Nizza. Der Tatort, die Kathedrale der Stadt Nizza, ist auf unserem Bild zu sehen.

Diese Entwicklung gleiche einer Spirale, die nur schwer durchbrochen werden könne, sagt Julie Hamann. Die Politologin arbeitet für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik. Als Gründe, warum Frankreich im Fokus stehe, nennt sie zum einen externe Faktoren: die exponierte Stellung Frankreichs durch sein militärisches Engagement in der Sahelzone, in Syrien und im Irak. Andererseits gebe es auch interne Faktoren: eine Radikalisierung innerhalb der französischen Gesellschaft. Dabei spiele Perspektivlosigkeit bei jungen Menschen eine Rolle – und das Gefühl, ausgeschlossen zu sein.

Radikalisierung in den Brennpunkten

Soziale Probleme in den Vorstädten verstärkten diese Entwicklung noch. Beispielsweise seien die Schulen dort häufig überfüllt. Eine Radikalisierung könne in diesen Milieus besonders leicht stattfinden.

"In Frankreich haben wir verschiedene soziale Probleme, die bei dem Problem der Radikalisierung dazukommen."

Der französische Staat habe durch gesetzliche Reformen und Erweiterungen der Befugnisse für die Sicherheitsbehörde die erforderlichen Mittel für harte Reaktionen bereits in der Hand. Prävention ist für Julie Hamann zur Terrorismusbekämpfung allerdings genauso wichtig. Das sei eine gesellschaftliche Aufgabe, die offen angegangen werden müsse.

"Prävention muss psychologische und soziale Elemente berücksichtigen, sonst kann der Kampf gegen Terrorismus nicht funktionieren."

Um die französische Gesellschaft nicht weiter zu spalten, müsse die muslimische Gemeinschaft aktiv eingebunden werden, sagt Julie Hamann. Ziel sei es, zu verhindern, dass eine Vermischung von Religion und Ideologie stattfinde.

Ermüdet von der Differenzierung

Sie beobachtet allerdings, dass viele Menschen in Frankreich müde sind, diesen Unterschied zwischen Ideologie – Islamismus – und Religion – Islam – zu machen. Hinzu kämen Extremisten, die diese gesellschaftliche Spaltungstendenz noch bewusst verstärken würden. Julie Hamann nennt konkret die rechtsextreme Partei Rassemblement national.

"Akteure wie das rechtsextreme Rassemblement national unter Marine Le Pen befeuert diese Spaltung auch gezielt."