Kolkraben sollen in Mecklenburg-Vorpommern hunderte Lämmer gerissen haben. Wann die Raben gefährlich für Lämmer werden, weiß Nabu-Ornithologe Lars Lachmann. 

Pünktlich zum Frühjahr gibt es Nachwuchs in den Schafherden, viele Lämmer werden geboren. Das wissen anscheinend auch die Kolkraben. Eine Landwirtschaftsgesellschaft in Groß Raden, einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, hat sich zum Beispiel beschwert, dass Kolkraben hunderte ihrer Lämmer reißen würden. 

Kolkraben sind keine Wölfe

Der Ornithologe Lars Lachmann vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) sieht das kritisch: Alle Studien hätten bisher gezeigt, dass Kolkraben keine gesunden Lämmer angreifen, sagt er. Kolkraben würden sich vielmehr bei lammenden Schafen ansammeln, weil sie die Nachgeburt fressen wollten. Dabei würden sie auch kranke Lämmer angreifen und diese töten. 

"Da handelt es sich ziemlich sicher um Schauermärchen, beziehungsweise um Ausflüchte, wo die Kolkraben manchen Leuten gerade recht kommen."
Nabu-Ornithologe Lars Lachmann zum Vergleich von Kolkraben mit Wölfen

Trotzdem kann Lars Lachmann sich gut vorstellen, dass es tatsächlich Hunderte von Lämmern sind, die von den Kolkraben gerissen werden: Gerade in Schafherden, die in schlechtem Zustand sind – oder schlecht betreut werden. Da könne schon mal ein Drittel der Lämmer nicht überlebensfähig sein. Wichtiger sei es, sich zu fragen, ob der entsprechende Schafbetrieb wirklich gut geführt sei.

Europaweiter Schutz für Kolkraben

Die Kolkraben zum Abschuss freizugeben, sei keine Entscheidung, die eine untere Naturschutzbehörde oder die Bundesregierung treffen könne, sagt Lars Lachmann. Denn die Kolkraben sind durch die EuropäischenVogelschutzrichtlinie in der ganzen Europäischen Union unter Schutz gestellt. Sie dürfen also nirgendwo in der EU gejagt werden. Die einzige Möglichkeit: Ausnahmegenehmigungen.

"Man kann keine normale Jagdzeit für Kolkraben einrichten, so wie das zum Beispiel für Elstern oder Rabenkrähen möglich wäre."
Nabu-Ornithologe Lars Lachmann

Aber auch hier gibt es sehr strikte Regeln dafür, unter welchen Umständen Ausnahmegenehmigungen erteilt werden könnten, sagt Lars Lachmann: Zum Beispiel müsse nachgewiesen werden, dass die entsprechende Vogelart wirklich für einen Schaden verantwortlich sei. Studien, die so etwas belegen, gebe es für den Kolkraben nicht. Genauso müsse bewiesen werden, dass das Abschießen der Vogelart wirklich das Problem behebe. Auch das sei hier nicht der Fall, sagt Lars Lachmann. Denn wenn ein Kolkrabe bei einer Schafsherde mit kranken Lämmern abgeschossen werde, kämen sofort neue Kolkraben.

Lämmer besser schützen und bewachen

Schäferinnen und Schäfer haben trotzdem die Möglichkeit, ihre Lämmer zu schützen: In vielen Regionen sei es schon Praxis, dass die Mutterschafe zum Ablammen in die Ställe kommen. Wenn die Lämmer ein paar Tage alt sind und laufen können, werden sie wieder zur Herde gestellt. 

"Selbst wenn man davon ausgeht, dass Kolkraben gesunde Lämmer töten sollten, kann man das auf jeden Fall verhindern, in dem man die Lämmer bewacht."
Nabu-Ornithologe Lars Lachmann

Das werde so schon gemacht, zumindest bei Schafzüchterinnen und Schafzüchtern, die ihre Herden gut betreuen, sagt Lars Lachmann. Bei Wanderherden sei das natürlich schwieriger. Aber auch dort könnten die Schäferinnen und Schäfer die Lämmer in den ersten Tagen gezielt bewachen und betreuen.

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